Die menschliche Natur und der Kapitalismus

 

Man at the Crossroads, Diego Rivera (Fragment), 1934

Anmerkung der Redaktion: Russland ist heute in einer sehr eigenartigen Position. Die Ablehnung von dem sowjetischen Entwicklungsmodell und dem daraus folgendem Zerfall der Sowjetunion, mit dem darauffolgendem Aufbau eines kapitalistischen Systems, hatte sehr viele Veränderungen bei den Menschen hervorgerufen. Russland ist in dieser Hinsicht in einer besonders guten Position, diese Veränderungen zu beobachten und zu analysieren. Dieser Artikel bietet einen Einblick in einige Veränderungen, die in den letzten 25 Jahren in Russland dank dem kapitalistischen System stattgefunden haben, und analysiert diese in Hinblick auf die Frage „Was ist die menschliche Natur“. 

Vor 25 Jahren hat der Russische Staat im Zuge der Perestroika seine systembildende Idee verloren: die Vorstellung vom Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft ohne Privateigentum. In ihr sollten nicht Geld und Reichtum die höchsten Werte sein, sondern das Fehlen der menschlicher Ausbeutung und die Entwicklung eines jeden als die Voraussetzung für die Entwicklung aller. Diese Vorstellung wurde verleumdet und vermeintlich auch bloßgestellt. Die Werte, die auf der staatlichen Ebene anerkennt werden, haben sich verändert. Nein, es hat keiner die Zulässigkeit der Ausbeutung oder die Nutzlosigkeit von Entwicklung erklärt. Vielmehr wurden neben diesen Werten Privateigentum und Wettbewerb als die treibenden Kräfte verkündet. Auf diese Weise wurden persönliche Freiheiten und der Vorrang des Individuums vor dem Kollektiv zu Prioritäten erklärt. Fünfundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit, man kann wenn auch nicht unbedingt einen Fazit ziehen, wenigstens die Ausrichtung der gesellschaftlichen Veränderungen erkennen. Wie genau haben sich die Menschen unter diesen Bedingungen im Laufe der Zeit verändert, und was waren die Gründe für diese Veränderungen? 

Wachstum der Konfliktsituationen

Im November 2015 hat das “All-Russische Zentrum zur Erforschung der öffentlichen Meinung“ (WZIOM) eine Studie über die Ansichten der Bevölkerung zum Leben überhaupt durchgeführt. Am 4. Februar 2016 wurden die Ergebnisse auf der Webseite des WZIOM veröffentlicht. Von grundlegender Bedeutung unserer Meinung nach ist eine Änderung der Einschätzung der Befragten zu einer Aussage aus dem Jahre 1990: „Die menschliche Natur ist so, dass es immer Konflikte und Kriege geben wird.“ Im Jahr 1990 hielten sich die bejahenden und nichtbejahenden Stimmen in etwa gleich, doch 2015 lag die Zahl der Bejahenden um das Fünffache höher (siehe Histogramm unten).

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Die Änderungen der Einstellung der Bevölkerung in dieser Frage sind sehr wichtig. Es ist kaum denkbar, dass irgendjemand ernsthaft behaupten kann, die menschliche Natur hätte sich im Zuge der vergangenen 25 Jahre verändert. Es hat ja inzwischen nicht einmal ein gesamter Generationswechsel stattgefunden! Die erhöhte Zahl von Befragten, die diese Problematik auf die menschliche Natur zurückführen, bedeutet jedoch nicht, dass die menschliche Natur an sich für den zunehmenden Konfliktsituationen verantwortlich ist, sondern die Bedingungen, in denen der Mensch formiert wird und existiert. Offensichtlich hat sich das Verhalten der Menschen im Umfeld des Einzelnen verändert. Auf dieser Grundlage haben die Befragten geantwortet, und das ist mit keiner Veränderung der menschlichen Natur an sich verbunden. Worum handelt es sich dann genau?

Die individualistische Weltanschauung als Ursache von Konflikten

Für Veränderungen im menschlichen Verhalten kann es eine Menge Gründe geben. Eine Verschlechterung der sozialen Bedingungen können den Menschen zwingen, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln für das Überleben zu kämpfen. Ein verschlechterter Gesundheitszustand, der Reizbarkeit auslöst, oder veränderte Vorstellungen der Menschen von den Verhaltensregeln, die befolgt werden sollten.

Zweifellos kann auch die Propaganda einer individualistischen Weltanschauung eine der Ursachen für die Zunahme an Konflikten sein. In einer individualistischen Gesellschaft gibt es einen Zusammenstoß verschiedener Willen, die nur durch eine rechtliche Regulierungen geregelt werden soll, welche schwierig zu klären sind und nicht immer dem schöpferischen Denken der Betroffenen hinterher eilen kann. Gerade dieser Zusammenstoß ruft Konflikte hervor.

Erinnern wir uns an Steven R. Mann und seinen 1992 erschienenen Aufsatz: „Chaos Theory and Strategic Thought“. S. Mann ist ein mit der CIA liierter amerikanischer Politologe. Er beschrieb die Optionen, die sich aus „Konfliktenergie“ und Chaos ergeben, und wie man notwendige Konflikte schüren könne. Einzelheiten zur Chaos-Theorie sind den Nummern 6 und 7 der Zeitschrift „Sut Wremeni“ aus dem Jahre 2012 zu entnehmen (noch nicht ins Deutsche übersetzt, Anm. d. Red.). An dieser Stelle beschränken wir uns darauf, ein Zitat von Steven Mann zu bringen, das zeigt, dass amerikanische Analytiker die Idee „des demokratischen Pluralismus und der Achtung der individuellen Menschenrechte“ als Waffe ansehen, um die Konfliktenergie der Menschen zu beeinflussen.

„Auf internationaler Ebene schaffen Konstrukte wie militärische Blocks, Wirtschaftsabkommen, Handelsprotokolle und andere Regelungen einen grundsätzlichen Zusammenhalt innerhalb des Systems. Doch ein vielversprechender aber vernachlässigter Weg, erhoffte internationale Veränderungen zu erzielen, befindet sich im Individuum.

Konfliktenergie ist in den Grundlagen der menschlichen Eigenschaften gelagert ab dem Zeitpunkt, an dem das Individuum zur Basiseinheit der globalen Strukturen wurde. Die Konfliktenergie spiegelt die Ziele, Gefühle und Werte des einzelnen Akteurs wider – letztlich ist das die ideologische Software, die bei jedem von uns vorprogrammiert ist. Um die Konfliktenergie zu ändern – zu verringern oder in die notwendige Richtung lenken, so dass sie den gewünschten Zielen unserer nationalen Sicherheit dienen – müssen wir die Software ändern. Wie die Erfahrung von Hacker zeigte, ist ein „Virus“ die aggressivste Methode um ein Softwareänderung vorzunehmen. Und was ist Ideologie, wenn nicht ein anderes Wort für einen programmierten, menschlichen Virus?

Mit diesem ideologischen Virus als Waffe sind die USA imstande, den schlagkräftigsten biologischen Krieg zu führen und dabei auf Grundlage der nationalen Sicherheitsstrategie auszuwählen, welche Volksziele mit den Ideologien des demokratischen Pluralismus und der Achtung der individuellen Menschenrechte zu infizieren sind.“ (Quelle:  S. 12 des Dokumentes)

Ungeachtet der Tatsache, dass dieser Artikel erst nach der Liquidierung der UdSSR veröffentlicht wurde, wird die Sowjetunion als eine vollständige Einheit beschrieben: „Auf höchster Ebene müssen wir die Faktoren und Bedingungen begreifen, aufgrund derer sich ein solch komplexes und dynamisches System wie die UdSSR ändern wird, und müssen verstärkt auf dessen Transformation hinarbeiten. Wir können viel lernen, wenn wir das Chaos und die Umgruppierungen als Chance begreifen, und uns nicht um die Stabilität an sich als illusorisches Ziel reißen.“

Es besteht kein Zweifel, dass die vorhandenen Waffen gegen die Sowjetunion und das heutige Russland eingesetzt worden sind. Die Daten aus der WZIOM-Umfrage zeigen indirekt eine Erhöhung der Konfliktenergie der Menschen an. Sie könnten als Beispiel für die Ergebnisse des nichtklassischen Krieges gelten, die gegen den russischen Staat geführt wird.

Eine Änderung der Werte als Ursache für die Änderung menschlichen Verhaltens

Der Mensch ist mit dem Recht zu wählen ausgestattet. Und das Ergebnis seiner Entscheidungen hängt von den Werten ab, die er seit der Kindheit mitbekommen hat. An der Herausbildung des Menschen als Persönlichkeit mit bestimmten Werten ist auch die Gesellschaft auf allen Ebenen (Familie, Staat, religiöse Einrichtungen) beteiligt.

Wir erleben in der heutigen Zeit ein Ersetzen von sozialen Werten durch materielle. Eine bedeutende Rolle bei dieser Ablösung spielt der Überfluss an Werbung für Waren und Dienstleistungen, die für die kapitalistische Entwicklung einer Gesellschaft unerlässlich sind. Die geschickt ausgeführte Werbung ist eine ihr eigene psychologische Waffe, die auf die  Schaffung von materiellen Werten als Priorität ausgerichtet ist. Diese Werbung verführt den Menschen dazu, irgendetwas für unerlässlich zu erachten und zündet in ihm den Wunsch, Freude daraus zu beziehen und den Gegenstand völlig ungeachtet des Preises zu erwerben. Zusätzlich schafft die Wirkung der Werbung ein bewegliches Prinzip. Bei jüngeren Menschen, deren Persönlichkeit sich erst seit dem Zusammenbruch der UdSSR gebildet hat, ist der Wunsch, sich zu bereichern stärker als bei der älteren Generation. Die Jüngeren sind häufiger bereit, zwecks eigener Bereicherung andere Menschen aus dem Weg zu räumen. Ein analytischer Bericht aus dem Jahre 2007, erstellt vom soziologischen Institut der Russischen Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Russischen Föderation gibt an, dass 76% der Befragten aus der älteren Generation es für unakzeptabel halten, sich auf Kosten anderer zu bereichern. Bei jüngeren Menschen liegt der Prozentsatz um 23 Prozentpunkte niedriger. Wenn für den Menschen das Erzielen von Reichtum schon ein Ziel an sich wird, das um jeden Preis erstrebt werden darf, sind Konflikte mit anderen unvermeidlich. 

Dieser Wertewandel findet nicht nur in Russland statt, wo die allerschlimmste Art von Kapitalismus, der kriminelle Kapitalismus, aufgebaut wurde. Über die ungesunde Ablösung bewährter menschlicher Werte in der kapitalistischen Gesellschaft durch Geld schrieb der amerikanische Milliardär George Soros in seinem Buch „Die Krise des globalen Kapitalismus“. Er wies darauf hin, dass „monetäre Werte, die Rolle der wahren Werte usurpiert haben. Die Märkte haben begonnen, in Bereiche des öffentlichen Lebens hineinzuregieren, in denen ihnen kein Platz zusteht.“ 

Das Traurigste dabei ist, dass der Durst nach Bereicherung nicht nur das Verhalten der Menschen verwandelt. Er verdeckt auch die Möglichkeit menschlicher Besserung mit der Hilfe von religiösen Institutionen. Betrachten wir das am Beispiel der Orthodoxen Kirche. Eins ihrer wichtigsten Gebote lautet: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Matthäus 22:39).

Zweifellos ermöglicht die Liebe zum Nächsten die Verminderung von Konflikten. Sie ermöglicht auch weitere Bestimmungen des Christentums. In der Bergpredigt spricht Jesus vom Dienst an Menschen: „Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will“ (Matt. 5:42). Vergebung: „Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben“ (Matt. 6:14). Die Selbsvervollkommnung als Ausweg aus Konflikten: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. . . . Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst“ (Matt. 7:1-5). Die Unzulässigkeit vergeblichen Zorns und die Priorität der Versöhnung: „Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig“ (Matt. 5:22). „Wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe“ (Matt. 5:23-24).

Christus ruft auch dazu auf, keine Schätze auf Erden zu sammeln (Matt. 6:19-21) und warnt: „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Matt. 6:24).

Leute, die materielle Werte erstreben, sind außerstande, den Bestimmungen der christlichen Lehre zu folgen. Vielleicht gerade deshalb hat sich nach dem Zerfall des sowjetischen Systems und trotz der Entstehung vieler Kirchen und des Wachstums an Gläubigen, die Zahl menschlicher Konflikte nicht verringert, wie zu erwarten war, sondern erhöht. Es ist nicht sonderlich wichtig, die christlichen Werte zu predigen. Wichtiger ist es, den Menschen in eine Lage zu versetzen, in der er diese Werte absorbieren und deren Bedeutung erkennen kann. Im Kapitalismus ist es viel komplizierter als unter der sozialistischen Gesellschaftsordnung, dies hinzubekommen. Wenn der Trend zum Wechsel der Werte anhält, kann mit einer ernsthaften Hilfe seitens der Orthodoxen Kirche bei der Gestaltung des sittlich-moralischen Gesichts des Menschen nicht gerechnet werden.

Der Mangel an gemeinsamen Zielen als Ursache internationaler Spannungen

Es ist kein Zufall, dass Karl Popper in seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ die offene Gesellschaft in Zusammenhang mit deren Widersachern sieht. Der gängigen Logik zufolge ist für die individualistische Gesellschaft das Vorhandensein von Feinden erforderlich – anderenfalls ist eine Gesellschaft von Menschen mit manchmal unvereinbaren, unterschiedlichen Zielen und Interessen nicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Gemeinsame Ziele könnten einer der Faktoren sein, die Menschen zu einer Einigung führen. Doch gemeinsame Ziele sind bei einer individualistischen Weltanschauung schwierig zu bewerkstelligen angesichts einer Bejahung der vollkommenen Freiheit des Einzelnen trotz unbestrittener Vielfalt. Weil es verschiedene Interessen gibt, gibt es auch verschiedene Zielsetzungen. In seinem Buch „Opening the Soviet System“ gab George Soros offen zu, dass eine auf dem individualistischen Ansatz aufgebaute Gesellschaft an einem „Defizit an Zielen“ leidet. Deshalb propagieren Herrscher, die an einer Konsolidierung der Gesellschaft interessiert sind, überall die Vorstellung eines äußeren Feindes, völlig unabhängig davon, ob er tatsächlich existiert.

Das übergeordnete Ziel einer individualistischen Gesellschaft kann etwas sein, das die Mitglieder der Gruppe von anderen unterscheidet. Damit die Übereinkunft natürlich aussieht, muss sie von einem befriedigenden Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Gruppe, und nicht zu irgendeiner anderen, geprägt sein. Diese Zugehörigkeit beruht auf der Bestätigung eigener Überlegenheit gegenüber anderen Gruppen und Gesellschaften. Eine klare Manifestation dieses Faktors ist die Vereinigung eines Volkes auf Basis einer vermeintlichen, rassischen Überlegenheit. Die Welt beobachtete das bei der Entstehung von Nazi-Deutschland. Hitler war aber nicht der Erste, der die Idee einer rassischen Überlegenheit einsetzte, um Leute zusammen zu schmieden. Mildere, doch länger anhaltende Vorstellungen dieser Art wurden in Großbritannien entwickelt (siehe die Artikelreihe von Anna Kudinova, „Popper und andere“ – ebenfalls noch nicht übersetzt, Anm. d. Red.). Das Pflegen eines Gefühls der Überlegenheit irgendeines Volkes gegenüber anderen steigert auch internationale Spannungen.

Die Kluft zwischen dem moralisch-ethischen Potential des Menschen und seinen technischen Möglichkeiten

Wir beobachten, dass die Bedingungen, unter denen der Mensch seit dem Zerfall der Sowjetunion zu leben hat, ein verstärkt von Konflikten geprägtes Verhalten bei seinen konkreten Handlungsoptionen ermöglichen. Konfliktträchtige Situationen gehen häufiger in offene Konflikte über. Gleichzeitig erkennen wir erhöhte Spannungen in den internationalen Beziehungen. Der anhaltende Krieg in Syrien ist zum komplexesten militärischen Konflikt der letzten 50 Jahre geworden. Die Richtung, in die die Welt sich gegenwärtig bewegt, ist offenkundig, und dieser Trend ist nicht nur störend – er ist auch beängstigend.

Der technische Fortschritt schreitet durch den Planeten mit gewaltigen Sprüngen. Die Anzahl der vorhandenen Waffen genügt, um alle irdischen Lebewesen zu beseitigen. Die Technologie vervollständigt sich, der Mensch verfällt. Es wächst die Kluft zwischen dem Vermögen der Menschen, alles Leben zu zerstören, und den Möglichkeiten, friedliche Lösungen für Probleme zu finden – das Erste wächst, das Zweite schrumpft. Früher oder später wird diese Kluft mit der Existenz der Menschheit unvereinbar; gefährliche Technologien in Menschenhand werden uns vernichten.

Mögliche Wege, um die Kluft zu schließen

Versuche, die Gefahren durch das Kontrollieren der Inhaber lebenszerstörender Technologien zu überwinden, sind utopisch, denn die Kontrollierten widersetzen sich den Kontrollierenden, die ebenfalls kontrolliert werden müssen. Es gibt nur zwei Wege aus der Sackgasse, in die die Welt sich bewegt: entweder das technologische Potenzial der Menschheit verringern, oder das moralisch-ethische Potential der Menschheit so zu steigern, dass die Nutzung des technischen Fortschritts zu missbräuchlichen Zwecken unmöglich wird.

Jedoch ist eine künstliche Verringerung des technologischen Potentials nicht akzeptabel. Erstens, ist es unmöglich, Milliarden von Menschen das Erkennen, Denken, das Streben nach Besserem und das Öffnen neuer Horizonte zu untersagen. Zweitens, kann allein der technische Fortschritt das Problem der Erschöpfung nichterneuerbarer Ressourcen der Erde lösen. Diesen Prozeß zu stoppen, würde uns in den drohenden Untergang führen. Folglich gibt es nur einen Weg, die Menschheit im Hinblick auf die Konfliktverminderung zu verbessern: erhöhte Empathie und das Erstreben des Guten, das Begreifen eigener Handlungen, die Liebe zum Leben, und den moralisch-ethnischen Kern eines jeden Menschen zu stärken. Die oben genannten Statistiken zeigen, dass diese Eigenschaften nicht von angeborenen Charaktermerkmalen abhängen, sondern von den Bedingungen, unter denen eine Person formiert wird und lebt. Der sowjetische Entwurf war eine Variante des Versuchs, diese Kluft zu reduzieren. Er wollte die Bedingungen für die Entwicklung der menschlichen Natur überhaupt durch die Verbesserung der menschlichen Entwicklung jedes einzelnen Mitglieds der Gesellschaft schaffen. Es gibt viel Diskussion über die Effektivität der Planwirtschaft und Administration auf Kommando sowie Schaden oder Nutzen der Zensur in der sowjetischen Zeit. Allerdings lag in der sowjetischen Gesellschaft der Grad moralisch-ethischen Verhaltens höher als in der gegenwärtigen russischen Gesellschaft. Das bestätigte die Meinungsumfrage des WIZIOM. Sie zeigen, dass die Mehrheit (61%) der Befragten im Jahr 2007 der Auffassung war, das moralisch-ethische Klima hätte sich in den letzten Jahren verschlechtert.

Der Virus des Individualismus, der Konfliktverhalten provoziert, ist auf globaler Ebene bedenklich; das Herausfinden eines Mittels zur Neutralisierung seiner schädlichen Wirkung ist erforderlich. Die Entwicklung einer kollektiven Weltanschauung könnte ein derartiges Mittel herausfinden. Das ist die gleiche Weltanschauung, die das günstige moralisch-ethischen Klima in der sowjetischen Gesellschaft hervorbrachte.

Jeder Mensch ist eine einzigartige, unwiederholbare Persönlichkeit, die sich so stark wie überhaupt möglich entwickeln könnte und sollte. Es ist jedoch klar, dass das nur geht, wenn die maximal Entwicklung der kollektivistischen Weltanschauung bei den Einzelnen nicht verhindert wird.

Der Kollektivismus schließt den Weg einer individuellen Entwicklung überhaupt nicht aus. Ganz im Gegenteil, er ermöglicht sie erst, denn das Vermögen eines aus Individuen bestehenden Kollektivs übersteigt in allen Bereichen einschließlich der Bildung das individuelle Vermögen bei weitem. Und nur beim kollektiven Ansatz wird die maximale Entwicklung des Einzelnen dem Wohle der gesamten Umgebung dienen – weil die Erzogenen dem generellen Vorbild entsprechen werden. Kollektivität – das Sammeln von Individuen mit einer einzigen Zielsetzung ohne Verlust der Individualität – ist nur bei einem kollektivistischen Ansatz möglich. Die Existenz solcher Leute erlaubt es der Gesellschaft, ohne Verlust des individuellen Potentials den Widerspruch zwischen den in mehrfachen Richtungen verlaufenden Bestrebungen der Einzelnen und dem Verlangen der Menschen nach Kommunikation und einem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer bestimmte Gruppe aufzuheben.

In Konfliktsituationen finden Menschen mit kollektiven Identitäten leichter den Weg zu gegenseitigen Zugeständnissen. Wenn sich ein Mensch als Teil der gesamten Gesellschaft empfindet, wenn andere Menschen ihm seine Nächsten – und keine Fremden – sind, dann wird eine Konzession gegenüber einem anderen die Konzession an einen Nächsten bedeuten. Sie wird dann nicht als Selbstaufgabe empfunden. Darüber hinaus kann eine kollektivistische Anschauung den Menschen helfen, sich leichter auf gemeinsame Ziele zu einigen. Die Selbstwahrnehmung als Teil eines Kollektivs erleichtert das Verständnis für die Ziele des Kollektivs und hilft, eigene Interessen in die generellen Ziele einzubinden. Ein übergeordnetes Ziel wird unweigerlich einen Teil der Konfliktsituationen aufheben. Pädagogen haben festgestellt, dass beim Fehlen gemeinsamer Ziele die Energie schwieriger Jugendlicher in Konflikte und Aggressionen ausartet. Wenn ein gemeinsames Ziel besteht, kann diese Energie auf die Erreichung des Zieles gerichtet werden.

Die Aufnahme von kollektiven Pflichtwerten, die der Person schon während der Kindheit mitgegeben worden sind, kann helfen, einen Weg aus der Sackgasse, die die menschliche Existenz bedroht, zu finden. Es sollte jedoch angemerkt werden, dass die versuchte Rückkehr zu einer kollektivistischen Weltanschauung, die die Konkurrenz als Lebensoption aufrechterhält, in einen gnostischen Umbau der Welt führen kann. Dann entstehen Gesellschaften erster und zweiter Wahl, die auf brutalen Methoden (und nicht unbedingt auf rassischen Vorzeichen) fußen werden. In einem solchen Falle ist eine Faschisierung der Welt unvermeidlich.

Vor 25 Jahren pflichteten wir uns einem Entwicklungsweg bei, der das menschliche Potenzial schmälert. Dieser Weg führt in die Sackgasse. Je weiter wir uns in den Wald begeben, desto mehr Brennholz wird uns begegnen. Und je tiefer wir im Kapitalismus stecken, desto deutlicher erscheint uns dann die ganze Gefahr des gewählten Weges. Diese Richtung muss geändert werden.

Übersetzt von Dr. William Yoder
Redaktur von Tony Siewert

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