Der Faschismus im historischen Kontext

Die Weltkarte von Frederik de Wit, 1662

Die Weltkarte von Frederik de Wit, 1662

Um genaueres Verständnis des Faschismus zu bekommen, muss man erst mal den historischen Kontext betrachten, in dem er erschienen ist. Dieser Artikel beschäftigt sich gerade damit. Wir haben bereits mehrere Artikel veröffentlicht (in Englisch), die sich mit den Vordenkern beschäftigt, die die Grundlage für den Faschismus gebildet haben. Sorel, Pareto, Le Bon, Michels, Mosca  haben alle geholfen, diese Grundlagen dafür zu ebnen. Dieser Artikel soll jedoch eine intuitive Beschreibung für die Entstehung des Faschismus im geschichtlichen Kontext geben. Wer weitere Details haben möchte, kann diese gerne in den weiteren Artikel nachlesen.

Die Epoche der Moderne ist ein weltanschauliches und damit gleichzeitig auch ein weltgestaltendes Projekt, das seine Anfänge in der Epoche der Renaissance im 15. bis 16. Jahrhundert nimmt. Die Moderne erhebt den Anspruch auf die Veränderung des menschlichen Seins – in der Kultur, der Wirtschaft, der Gesellschaftsstruktur, Philosophie, Wissenschaft, Bildung und so weiter. Am stärksten ausgeprägt war die Moderne im Zeitalter der Aufklärung. Ein wichtiger Bestandteil des Projektes Moderne ist der Humanismus. Man sah den Menschen nicht mehr als passiven Betrachter der göttlichen Weltordnung an. Er selbst wurde zum Subjekt der Geschichte. Er wurde in den Rang des Schöpfers gehoben, der imstande ist, seine eigene Welt zu verändern und umzugestalten. Damit wurde aber auch die Grundlage für einen Konflikt mit der Religion und Kirche geschaffen.

Es ist zu beachten, dass die Moderne selbst angesichts des radikalen Antiklerikalismus ihr Bekenntnis zu höheren, immateriellen Werten nicht aufgab. Und obwohl diese Konflikte teilweise sehr komplex und schwierig waren, waren sie nicht unüberwindlich. Die Kirche fand ebenso eine Möglichkeit für die innere Modernisierung.

Außer verschiedener religiöser Probleme, erschuf die Moderne auch den Kapitalismus und damit das Problem der sowohl inneren (Proletariat) als auch der äußeren (Kolonien) Ausbeutung sowie das Problem der Entfremdung.

Als eine Antwort auf die Gegensätze des Kapitalismus, hat die Moderne bestimmte „Antikörper“ – das kommunistische Projekt – entwickelt, die für die Aufrechterhaltung des modernistischen Projektes sorgten, indem sie ihr einen zweiten Atem verlieh. In dieser Hinsicht kann man Erich Fromm zitieren, der folgendes geschrieben hat:

„So sind also die marxistische und andere Formen des Sozialismus die Erben des prophetischen Messianismus, des christlich-chiliastischen Sektentums, des Thomismus … und der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts.“ (Erich Fromm. „Das Menschenbild bei Marx“)

Wir, als Bürgerbewegung „Wesen der Zeit“, sehen das kommunistische Projekt als den einzige legitime Fortsetzung der Moderne. Aber im Vergleich zu Fromm, sehen wir den besonderen Beitrag des sowjetischen Projektes in der Verfechtung und Realisierung der Moderne. Zu den sowjetischen Verdiensten vor der Moderne kann man u.a. folgendes zählen: den Aufbau eines gerechten Gesellschaftstyps mit den Möglichkeiten des sozialen und geistigen Aufstiegs eines jeden Menschen, den Sieg im Zweiten Weltkrieg, die Erschließung des Weltalls und so weiter.

Sogar eine ganze Reihe liberaler Persönlichkeiten sehen die untrennbare Verbindung des sowjetischen Projektes mit der Moderne. So schreibt der deutsche liberale Historiker Jörg Baberowski:

„Die russischen Kommunisten waren gelehrige Schüler des Zeitalters der Vernunft und der Aufklärung. Was die Natur versäumt hatte, das sollte von Menschenhand vollbracht werden. Was sich der Vernunft nicht fügte, musste aus der Wirklichkeit verschwinden. Der Sozialismus hatte am Projekt der Moderne nichts auszusetzen, er hielt sich im Gegenteil für seine eigentliche Vollendung.“ (J. Baberowski. „Der rote Terror: Die Geschichte des Stalinismus“. S. 13)

Die Abschaffung der Gegensätze des Kapitalismus war jedoch nicht der einzige Lösungsvorschlag. Es gab auch einen anderen Ansatz, der sich nicht auf die Gegensätze und Problemen konzentrierte. Dieser Ansatz sah die Entwicklung als solche als Problem. Wenn die Entwicklung in der Moderne in die schreckliche Realität des Kapitalismus geführt hat, dann muss man in eine Realität zurückkehren, wo es diese Entwicklung nicht mehr gibt. Dieser Ansatz nannte sich Faschismus. Der Faschismus will eine Realität ohne jegliche Entwicklung schaffen, denn die Entwicklung wird als Ursprungsproblem angesehen. Sergej Kurginyan, Gründer unserer Bewegung „Das Wesen der Zeit“, beschreibt das in seiner Vorlesung „Das Wesen der Zeit № 23“ auf folgende Weise:

„Nach der Französischen Revolution, nach diesem historischen Sprung, hatte die sich entwickelnde kapitalistische Realität sehr viele enttäuscht. Sie schien sehr vulgär, sehr grob. Und das obwohl sich alles in technischer Hinsicht sehr schnell entwickelte. Bald wurden kolossale Mängel entdeckt. Und gleich entstanden zwei wesentliche Kritikrichtungen. In der Sowjetunion wurden sie als revolutionäre und reaktionäre, konservative Romantik bezeichnet.

"Die Freiheit führt das Volk" - Eugène Delacroix (1830)

„Die Freiheit führt das Volk“ – Eugène Delacroix (1830)


Einige dieser Romantiker haben gleich proklamiert: „Zurück ins Mittelalter! Im Feudalismus war alles besser! Wir wollen dorthin, zurück!“

Und die andere kritische Richtung, wie man es so will, war die marxistische – die hat angefangen, die bürgerliche Realität auf komplett anderer Grundlage zu kritisieren, und gleichzeitig zu einem neuen geschichtlichen Sprung aufzufordern.

Nun ja, diese Romantiker, die zurück ins „gesegnete Mittelalter“ wollten (man muss nur die Romane von Walter Scott lesen, bei anderen findet man noch mehr – dieses unablässige Schwärmen für das Altertum und ähnliches), dieser Romantismus kam politisch sehr eng mit der politischen Bewegungen in Verbindung, die die Monarchie wiederherstellen wollten.

Niemand konnte verstehen, wie man den Feudalismus wiederherstellen sollte. Erstens, weil es unmöglich war, das Ständesystem wiederaufleben zu lassen. Das Volk würde sich wehren, es hat bereits das Andere gekostet, was es nicht wieder weggeben würde. Zweitens, selbst wenn man das alte System restauriert hätte, hätte das die Entwicklung verlangsamt und die Gefahr der Eroberung durch die Nachbarländer heraufbeschwört.

Deshalb war es unklar, wie man den monarchischen Feudalismus wiederherstellen konnte. Und aus diesem Grund waren die Bewegungen, die die Restauration der Monarchie, der Bourbonenmonarchie oder sogar noch älterer Dynastien, anstrebten, immer sehr schwach. Und trotzdem waren sie immer da, weil die kapitalistische Realität so abscheulich vulgär war, dass das Zurückblicken in die Vergangenheit nur natürlich war. Es waren auch mächtige Kräfte am Werke, die die Restauration unterstützten.

Diesen Kräften ist es jedoch nicht gelungen, ihr eigenes politisches Programm zu formulieren, weil direkte Restauration der Monarchie und des Feudalismus viel zu ungeschickt und schlecht zu verwirklichen war. Um ein anderes Konzept verwirklichen zu können, war der Faschismus nötig. Ohne den Faschismus ging gar nichts. Das ist nicht das Problem der jüdischen Frage, das ist kein Problem der Rituale. Das Problem hieß: wie kann man das Mittelalter zurückholen, indem man es so neu auflegt, dass es wieder funktioniert? Also hat man die „Restauration“ verworfen, um die „konservative Revolution“ zu entdecken, die dann auch anlief. Dafür musste man aber sehr tiefgreifende Veränderungen durchführen – man durfte nicht auf halbem Weg stehen bleiben, man musste ihn zum Ende bringen. Und das tat man, indem man das Christentum wegwarf und den Paganismus, den Okkultismus zurückholte. Während man diese „primordialen Traditionen“ verherrlichte, erklärte man der Geschichte und der Entwicklung als Kategorien den Krieg. Einen absoluten Krieg“. („Das Wesen der Zeit“ № 23).

Diese Probleme wurden noch mal ausführlicher im Artikel über die Ursprünge des Faschismus in Frankreich beschrieben. Wie der Faschismus als politische Macht in Italien durch Mussolini formiert wurde, wird hier beschrieben. Mussolini kämpfte danach mit D’Annunzio um die Führungsrolle, und kämpfte bis an die Machtpositionen in Italien. Als Mussolini dann an der Macht war, hat er endgültig den Faschismus als politische Struktur fertig gestellt, dessen Resultate man hier und hier nachlesen kann. Hier kann nachgelesen werden, wie die Gründe und was in Deutschland anders war im Vergleich zu Italien.

Daraus folgt, dass der Faschismus keine alternative Entwicklungsstrategie des kapitalistischen Systems ist. Es ist eher das Gegenteil – man lehnte die Idee der Entwicklung ab, und wählte anstelle der Entwicklung eine bestimmte Beständigkeit, also Konservierung (Kapitalismus ohne Entwicklung). Das ist der wichtigste Punkt. Das erste Mal in der ganzen Geschichte der Moderne, gab es eine starke politische Struktur die die fundamentalen Prinzipien der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – verneinte.

Gerade deswegen richten die Ideologen des Faschismus ihren Blick in die tiefe Vergangenheit. Mussolini träumte von der Wiederherstellung des Römischen Reiches. Hitler sah das Mittelalter als „Goldenes Zeitalter“ des deutschen Staates an. Die ukrainischen Nazis betrachteten mal die Kiewer Rus, mal das Hetmanat als Vorbild für ihren Staatsbau.

Die Faschisten geben aber die Moderne auf, nicht um die vollständige Wiederherstellung des „goldenen Zeitalters“ zu vollziehen. Denn die „Restauration“ ohne Monarchie und Kirche ist im Großen und Ganzen nur eine Simulation der Vergangenheit. Dadurch, dass der Faschismus sowohl auf die Moderne, als auch auf die vollwertige Restauration der Vergangenheit verzichtet, schafft er einen Abgrund, einen „Absoluten Krieg“, wie es Kurginyan nennt. Und in diesen Abgrund des absoluten Krieges will der Faschismus die ganze Menschheit stürzen.

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