Der Marxismus im 21. Jahrhundert. Teil 3.

Mädchen, die als Backsteinzertrümmerin in einer Fabrik in Dakke arbeitet

Mädchen, die als Backsteinzertrümmerin in einer Fabrik in Dakke arbeitet

Es ist eine Sache, alle Arten der Dehumanisierung der eigenen Mitmenschen zu betrachten. Zu beobachten, wie Menschen um dich herum unter Hunger, erdrückender Menschendichte, erschöpfender Arbeit, stumpfsinnigem Alltag und allen anderen Formen der direkten, vulgären und offensichtlichen Ausbeutung leiden. Zu sehen, wie diejenigen, die sich in deiner Nähe befinden, dieser Ausbeutung erliegen.

Und es ist eine andere Sache, ein Mitgefühl für Völker in Asien, Afrika und Lateinamerika zu entwickeln, die von den westlichen Eliten und deren lokalen Marionetten gnadenlos ausgeraubt werden, indem ein Teil der „Beute“ der einfachen Bevölkerung im Westen, die nicht in der asiatisch-afrikanisch-lateinamerikanischen Peripherie lebt, übergeben wird.

Angenommen, du hast dieses gerechte Mitgefühl entwickelt. Und jetzt?

Das ist bereits der 3. Teil der Übersetzungen von dem Buch „Über den Kommunismus und Marxismus“. 
Die vorherige Teile findet ihr hier: 1. Teil und 2. Teil.

Die logische Schlussfolgerung eines solches Mitgefühls, das Besitz von deiner Seele ergriffen hat, ist der Umzug nach Asien, Afrika oder Lateinamerika, um die antiimperialistische Befreiungsbewegung dieser Länder zu unterstützen. Ein geringer Anteil der von ihrem Gewissen angetriebenen westlichen Intellektuellen ist ja auch bereit dazu. Es handelt sich aber um einen sehr geringen Anteil. Und dabei wissen diese Menschen genau, mit welchen Hürden sie bei ihrem ehrenvollen Bestreben konfrontiert werden. Sie werden dabei in dieser höllischen Peripherie, in die sie sich begeben möchten, nicht nur eine Fremdsprache lernen müssen. Sie werden sich auch irgendwie an die dortige Lebenswirklichkeit anpassen müssen, wo sie die antiimperialistische Befreiungsbewegung unterstützen möchten. Sie werden es auch hinnehmen müssen, dass die einheimische Bevölkerung und die einheimischen Aktivisten der Befreiungsbewegung ihnen, den Fremden, mit Mistrauen und Missachtung begegnen.

Mit Misstrauen, weil sie als westliche Agenten wahrgenommen werden, die mit zweifelhaften Zielen geschickt wurden.

Mit Missachtung, weil „wenn du ein Fremder bist, was geht dich unser Schicksal an, warum suchst du dir keine Aufgaben in deinem eigenen Land “ und so weiter.

Und wenn du in deinem eigenen Land bleibst, dann wirst du mit folgender Frage konfrontiert werden: “Nun, wo ist denn dieses entsetzliche, dehumanisierende Elend? Gesunde und gebildete Frauen und Männer, die sich einen gefragten Beruf angeeignet haben (und gefragt sind nicht nur Berufe, die die menschliche Würde antasten: der Beruf eines hochqualifizierten Schweißers beispielsweise ist überhaupt nicht erniedrigend) können sich Essen, Kleidung und sogar eine Wohnung leisten, auch wenn das viel schwerer ist.

Niemand zwingt sie, 12 Stunden am Tag zu arbeiten. Sie können ihre Freizeit nach Belieben selbst einteilen. Sie werden auch außerdem die Möglichkeit haben, diese Freizeit nicht nur verblödend, sondern auch mit ihrer Weiterentwicklung zu verbringen. Und weswegen singst du uns das marxistische Lied von Ausbeutung und Befreiung, das ganz aus einer vergangenen Epoche stammt, in der andere Probleme existierten, die von einem anderen menschlichen Schmerz durchdrungen war?“

Und was werden Sie darauf antworten?

Natürlich werden Sie, wenn sie wollen, eine Antwort finden. Aber wie überzeugend werden diese Antworten für die anderen und für Sie selbst sein?

Aber was viel wichtiger ist – welchen Nachklang werden sie in den Herzen hervorrufen?

Es ist eine Sache, überzeugend über das lebendige Leid der heutigen Zeit zu sprechen. Und es ist eine gänzlich andere, über das Leid der vergangenen Epoche, die man nur aus Büchern kennt, mit den heutigen Zeitgenossen zu sprechen. Der Effekt ist ein ganz anderer.

Noch ein paar Wörter über das Leid jener Zeit.

Die Ursache dafür war eine offensichtlich kränkende Art des materiellen Lebens der Mehrheit der Bevölkerung (damals „der Arbeiter“). Es war jedoch allen klar, dass diese materielle Lebensart entstanden war, um die Arbeiter maximal auszurauben. Eine ungeheuerliche Anzahl dieser Arbeiter wurde gezwungen, intensiv an der Herstellung gigantischer materieller Güter mitzuwirken. Dafür brauchte man eine riesige Menge an Arbeitern. Und dementsprechend gab es immer eine Nachfrage nach Arbeitern. Und diese Nachfrage hatte ein Ausmaß von hunderten Millionen (in Europa und Russland) oder sogar Milliarden (in der ganzen Welt).

Ja, Arbeitslosigkeit existierte. Manchmal nahm sie empörende Züge an. Und bis die Arbeiter ihre Rechte erkämpft hatten, konnten die Arbeitslosen buchstäblich vor Hunger sterben. Was auch manchmal geschah – es sei nochmals betont – in den ersten Phasen der Entstehung des Kapitalismus.

Aber die des Hungers sterbenden Arbeiter waren nur eine Minderheit des arbeitenden Volkes. Und einer der Gründe dafür war einfach, weil die Arbeit der Mehrheit der Bevölkerung für die Herren des Lebens zwingend notwendig war. Ja, sie haben diese Arbeit maßlos unterbezahlt. Und dennoch war diese intensive, maßlos unterbezahlte Arbeit der Mehrheit der Bevölkerung zwingend notwendig. Dem ist so, weil nur, wenn die Mehrheit sich an den Werkbänken, Fabriken, in gemieteten Lagern umbrachten, das notwendige, massive materielle Vermögen aufgebaut werden konnte, ohne das die Herren des Lebens a) nicht luxuriös existieren konnten und b) die nationalen Staaten, in denen sie die Herren des Lebens waren, gegen andere nationalen Staaten, wo andere Herren des Lebens prosperierten, verteidigen konnten.

So war es vor eineinhalb Jahrhunderten. Heute ist jedoch alles ganz anders. Und in den nächsten Jahrzehnten wird sich alles noch radikaler ändern. Und dann stellt sich heraus (im Grunde genommen passiert das auch schon heute), dass diese intensive und maßlos unterbezahlte Arbeit des Großteils der Bevölkerung einzelner Länder und des Planeten im Ganzen für Herren des Lebens nicht mehr zwingend notwendig ist.

Bitte, denkt euch in Maßstab und Tragik dieser Metamorphose hinein! Vor eineinhalb Jahrhunderten gab es eine Art von Verhältnis (nennen wir das Verhältnis vom Typ A) zwischen den Herren des Lebens und dem Großteil derjenigen, die auf diesem Territorium (in den USA, England, Deutschland, Frankreich, Russland) arbeiteten, wo die Herren des Lebens mit dieser Mehrheit der Arbeitenden von dem oder jenem Land die Verhältnisse vom Typ A aufbauten. Und jetzt gibt es zwischen den Herren des Lebens und dem Großteil der Arbeitenden in den Ländern der USA, England, Deutschland, Frankreich, Russland usw. ein Verhältnis vom Typ B. Typ A hat nichts Typ Verhältnis B gemeinsam. Das sind fundamental andere Verhältnisse. Weil im Rahmen des Verhältnisses vom Typ A die unterbezahlte, maßlose Arbeit des Großteils der Arbeitenden für die Herren des Lebens zwingend notwendig war.

Im Rahmen des Verhältnis A ist es sehr notwendig, dass so viel Menschen wie möglich intensiv und für wenig Geld arbeiten (von daher auch die positive Beziehung zur Kinderzeugung, zur Anzahl der Bürger auf dem Territorium). Es ist schlecht, dass man von den Bürgern mehr Arbeit erwartet und sie unterbezahlt. Aber es ist ganz und gar nicht schlecht, dass ihre Arbeit notwendig ist. Sogar sehr notwendig war. Und entsprechend sind auch die Bürger sehr, sehr notwendig. Alexander Puschkin schrieb entrüstet über die Passivität des Volkes:

„Wofür brauchen die Herden die Gabe der Freiheit?
Man muss sie nur schlachten oder scheren.“
(Übersetzung von Redaktion)

Die Entrüstung Puschkins und die Metaphorik der politischen Sprache erforderten, dass man die Wörter „schlachten“ oder „scheren“ in eine Reihe stellt. Deswegen hatte bei ihm die Verbindung „oder“ keine inhaltliche Gegenüberstellung. Beides war also für Puschkin gleich schlimm. Das war so eine Zeit.

Aber im Rahmen dessen, was wir besprechen, besteht zwischen „schlachten oder scheren“ ein tiefer, wesentlicher Gegensatz. Weil im Rahmen des Verhältnis A zwischen der Elite und der „Volksherde“ (also den größten Teil der Arbeitenden) gibt es das Scheren. Das heißt  die Erzwingung eines maximalen Ertrags aus den Arbeitenden bei minimaler Fütterung. Und in diesen Herden soll es mehr Schafe geben, damit man beim Scheren mehr Wolle bekommt. Aber im Rahmen B, der sich schon die ganze Zeit in der Ferne undeutlich abzeichnet, unterliegen die Herden, also der Großteil der Arbeitenden, nicht mehr dem Scheren bei minimaler Fütterungsmenge. Weil man die Wolle einfach nicht mehr braucht, versteht ihr? Und man braucht auch nicht mehr so eine große Menge an Schafen. Das ist nicht wegen der Umweltfragen – die Umweltproblematik wurde größtenteils ausgedacht. Fakt ist – wenn man die Herden nicht mehr scheren muss, dann muss man sie schlachten. Und gerade das ist die neue, im Vergleich zum 20. Jahrhundert, heutige Problematik des Marxismus, die von den heutigen Marxisten zur Gänze nicht gespürt wird.

Anm. d. Red.: Was Kurginjan hier andeuten will ist, dass die Menschenherden keine Herden sein dürfen. Während so eine Sichtweise den Kapitalismus maßgeblich formiert hat (Nutzung des tierischen Instinkte (Gier) als treibenden Faktor der Gesellschaft), ist das heute absolut zerstörerisch. Solange diese Sichtweise die Köpfe der Menschen regiert, wird man die Herde im 21. Jahrhundert schlachten müssen. Aber diesen Unterschied, den fundamentalen Unterschied, wieso ein Mensch kein Tier ist – das muss erst einmal fundamental erkundet werden. Religionen haben früher diese Antwort gegeben, aber ihre Antwort ist immer weniger und weniger relevant, und oftmals mit dem Marxismus und Klassenkampf nicht vereinbar. Man brauch eine neue, geschichtsrelevante Antwort auf die Frage „Was ist der Mensch?“. 

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