Der Marxismus im 21. Jahrhundert. Teil 2

Marx, Engels, Lenin, Stalin

Marx, Engels, Lenin, Stalin

Großherzig und großartig ist die Geschichte dieser sozialen Höllenfahrten, die damit ausgeübt wurden, dass die Notleidende die Hölle verlassen können.

Gibt es wirklich Menschen, die glauben, dass Marx (und Engels, und Lenin, und Stalin) sich an zweitrangige oder sogar erstrangige Bestandteile der Modelle, der Lehren und der Theorien klammern würden, wenn sie auf eine neue Problemstellung treffen? Und das obwohl diese Bestandteile (und Modelle, und Lehren, und Theorien) in Situationen entstanden, wo diese Problemstellung noch gar nicht vorhanden war? Wenn dem so ist, wie soll man die bekannte Aussage von Engels interpretieren, die später mehrmals von Lenin und von Stalin wiederholt wurde, dass „der Marxismus kein Dogma sei, sondern eine Anleitung zum Handeln“? Und andere ähnliche Aussagen von anderen Politiker-Marxisten? Von solchen Aussagen gibt es eine ganze Unmenge.

Über die Klassen und Klassenkampf hatte Marx nicht sehr viel geschrieben — ihm hat die Zeit dafür nicht gereicht. Damit die „Klasse an sich“ zu einer vollwertigen Klasse („Klasse für sich“) wird, braucht sie eine Vereinigung mit irgendwelchen intellektuellen Kräften, die nicht nur den Intellektualismus, sondern auch eine politische Selbstheit besitzen. Diese Kräfte müssen dann die Klasse wachrütteln und zu etwas historisch Bewegendem umstrukturieren. Damit die Klassenprotosubstanz eine neue vollkommene Struktur, einen neuen Willen und Bewusstsein bekommt, aus einer Protosubstanz zu einer Substanz und danach zum Subjekt der historischen Handlung wird, um sich selbst und die Menschheit zu retten.

Wovon mussten die Klassen und die Menschheit Ende des XIX. — Anfang des XX. Jahrhunderts gerettet werden? Von materieller Verelendung, die die Entmenschlichung hervorbrachte. Die materielle Verelendung an sich war die Folge der Ausbeutung, die von Marx glänzend beschrieben wurde. Die materielle Verelendung in der Epoche, die wir besprechen (Ende des XIX. und Anfang des XX. Jahrhunderts) war offensichtlich und empörend. Diese Verelendung und ihre Folgend erzeugten in Menschen, die materiell wohlhabend waren und das besaßen, was A. P. Tschechow als „Talent des Mitgefühls“ bezeichnete, die stürmische Empörung, die immer dann entsteht, wenn das Unwohl der Mehrheit, welche durch die Gier der Minderheit heraufbeschwört wurde und welche für den banalen und abscheulichen Wohlstand der Minderheit geopfert wurde, offensichtlich wird. Um dieses Gefühl besser zu verstehen, um zu verstehen, wie ekelhaft die Vertreter der Minderheit sich an ihren brutalen überschüssigen materiellen Möglichkeiten berauscht haben und wie dadurch die Mehrheit gelitten hat, ist es ausreichen, die Erzählungen von A. P. Tschechow oder den Roman von Émile Zola „Germinal“ zu lesen. Gleichzeitig wird dadurch klar, welches Mitgefühl mit der Mehrheit diejenigen Vertreter der Minderheit empfunden haben, welche entweder von Natur aus oder durch ihre Erziehung zu tiefem, opfer- und vor allen handlungsbereitem Mitleid fähig waren.

Solche Vertreter der Minderheit hatten sich auf eine oder andere Weise vereinigt. Als ungeschlagenes Vorbild einer solchen Vereinigung gilt die Leninsche „Partei neuen Typus“. Aber auch die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre hatten sich vereinigt. Und wie die Bolschewiki streckten auch sie die helfende Hand denjenigen Vertretern der Mehrheit entgegen, die ihrer Meinung nach am fähigsten waren, der Entmenschlichung, die von der Minderheit für ihren eigenen abscheulich extravaganten Wohlstand umgesetzt wurde, Widerstand zu leisten.

Die Bolschewiki und die Menschewiki hatten unterschiedliche Ansätze, mit denen sie zu den Arbeitern gingen, da diese ihrer Meinung nach am Widerstandsfähigsten waren. Die Sozialrevolutionäre haben ihre Theorien ebenfalls in Verbindung mit den Bauern umgesetzt, denn ihr Modell des Widerstandes gegen die Entmenschlichung zeigte in eine für sie sehr überzeugende Weise, dass gerade die Bauernklasse am meisten zum Widerstand fähig ist.

Es handelte sich aber um — und das muss noch mal betont werden — den Widerstand gegen die Entmenschlichung, die wegen der massenhaften durch die Ausbeutung verursachten Verelendung hervorgerufen wurde. Die Riesenmengen der Arbeiter nisteten sich in Baracken ein, arbeiteten ohne Maß und waren dennoch von all dem entfernt, was der Mensch fürs vollkommene Leben braucht. Den ersten Platz in dieser Reihe nahm jedoch das tägliche Brot ein. Der Hunger an sich und die damit verbundenen Defizite, die genauso materiell grob sind, wie der Hunger selbst – genau das ist das, was die Menschen vor hundert Jahren entmenschlicht hat. Zu diesen groben materiellen Mängeln kann man folgende zählen: die beleidigende Menschendichte auf der Wohnfläche; die Schäbigkeit des Alltagslebens und daraus folgende Schäbigkeit der persönlichen und sozialen Kommunikationen; die unglaubliche Erschöpfung durch die Arbeit und daraus folgende Verdummung; die Flucht von der Realität in den Alkoholkonsum, den Schmutz, die unhygienischen Bedingungen; die graduelle Gewöhnung zum vulgärsten Vergnügen und so weiter.

M. Dostojewskij, A. P. Tschechow, M. Gorki, A. I. Kuprin hatten jeder auf seine Art und Weise über diese Mängel und all dem Schrecken der Entmenschlichung geschrieben, die daraus folgten. Die russische Intelligenzija und der Adel haben diese Bücher aufgesaugt wie im Rausch … und das alles mit Abscheu betrachtet. Sie trafen die Entscheidung, dass man so etwas nicht ertragen darf und dass man das ändern muss. Und sie gingen in die Strafkolonien, stiegen auf die Blutgerüste, um ihre Seele für die der Freunde aufzugeben.

Großherzig und großartig ist die Geschichte dieser sozialen Höllenfahrten, die erfolgten, damit die Notleidende die Hölle verlassen können.

Und wegen solcher großherzigen Aufopferungsbereitschaft, war es kein Wunder, dass die Menschen den Aufbau der Sowjetunion so fröhlich begrüßten. Denn in der ganzen sowjetischen Gesellschaft war dieses Entsetzen, das früher herrschte, wahrhaftig nicht vorhanden.

Aber nicht nur dieses ungeheuerliche Entsetzen war abwesend, welches die Folge der grenzwertigen und beleidigenden materiellen Mängel war, um einer Minderheit ein abscheulich luxuriöses Leben zu ermöglichen. Es ist auch noch gelungen, eine soziale Struktur aufzubauen, bei der der von den materiellen Mängeln befreite Menschen angefangen haben, nach dem Prinzip „Nicht nur von Brot Allein“ zu leben, und sich dementsprechend zu ganz anderen Menschen zu entwickeln.

Ein Jahrhundert ist vergangen und was sehen wir?

In dem „gesegneten Westen“, wohin die sowjetischen Menschen von den Antikommunisten gelockt wurden, sehen wir wirklich keine erniedrigende dehumanisierende Veredelung der arbeitenden Menschen generell und der Arbeiterklasse speziell. Die todbringende materielle Verelendung ist zwar immer noch vorhanden, aber nur in der Peripherie der kapitalistischen Welt — in Afrika, Asien, Lateinamerika. Dort verliert die Entmenschlichung mithilfe des „Königs Hunger“ noch lange nicht ihre Kraft, wenn überhaupt – steigt sie dort stetig an.

Eine Verstärkung der materiellen Verelendung der Arbeiter wird ohne großen Problemen anhand von objektiven Daten bestimmt, wenn man sich die mittleren Werte der Lebensqualität der Arbeiter auf dem Planet Erde anschaut. Da jedoch die Daten heterogen sind, kann man dem Argument leicht vorwerfen, dass wir die „mittleren Temperatur bei den Menschen im Krankenhaus“ messen. Und zu beweisen, dass die relative Prosperität der Arbeiter im Westen durch eine gnadenlosen Verelendung der restlichen Arbeiter aufgekauft wird, ist – erstens nicht einfach, und zweitens – bei weitem nicht so effektiv, wie es einigen zu sein scheint. Weil jemand dann sagen wird: „Ist doch egal! Lasst die Afrikaner doch zugrunde gehen, aber bei uns wird alles, wie im Westen!“. Und noch andere werden sagen, dass es den Afrikaner schon immer schlecht ging, und jetzt geht es ihnen sogar besser, als früher. Und fügen dann noch hinzu, dass es ihnen schlecht geht, weil sie faul und unvollkommen sind.

Wir begegnen einer neuen kapitalistischen (oder imperialistischen, oder sogar ultraimperialistischen) Realität. Sie fordert wesentliche Korrekturen. Ansonsten verlieren wir den Realitätsbezug. Und damit auch das Recht auf einen lebensverstärkenden Willen, der sich den Herausforderungen, neuen Bedrohungen, neuen Machenschaften der Feinde der Menschheit und des Humanismus stellt.

Fortsetzung folgt.

 

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