Nach dem Globalismus – ein Memorandum

Anm. d. Red.: Dieser politischer Text stellt ein Aufruf zur realen, politisch-wirksamen Zusammenarbeit von einem der einflussreichsten Marxisten, Politologen und Analysten in Russland, Sergej Kurginyan, dar. Die Publikation dieses großen ,langen Textes soll zwei Zielen dienen:

  1. Das Memorandum soll die westliche Gesellschaft mit der real-russischen (also keine ausgedachte, von westlichen Medien in ihren Interessen ruminterpretierten), strategischen und hoch-intellektuellen Sichtweise konfrontieren, die der durchschnittliche Bürger im Westen nicht wahrnehmen kann. Es werden in Russland konstant und auf allen Gesellschaftsvertikalen solche Diskussionen geführt. Dieser Memorandum soll einen Einblick geben, was die Sichtweise Russlands objektiv darstellt, wie man in Russland bestimmte Sachen sieht, und vor allem, mit welcher Tiefe man die grundlegenden Fragen ausdiskutiert.
    Dieses Ziel hat dementsprechend als Folge, dass es sehr kompakt, konzentriert und sehr vieles beinhaltet, was so für den durchschnittlichen Deutschen unbekannt und teils unverständlich sein wird. Zum Beispiel die „Resowjetisierung“, die von Kurginyan dauernd angesprochen wird, welche in Russland durch eine Vielzahl an signifikanten Umfragen bewiesen wurde, dessen Konsequenz man meistens aber ganz anders interpretiert, als dies die russische Bevölkerung tätigt. Dies, und viele weiteren Themen, bedarf einer weiteren Betrachtung.
  2. Soll der Text, wie auch in den ersten Absätzen beschrieben, als Grundlage für eine effektive Zusammenarbeit und Diskussion dienen, um die katastrophale Lage der russisch-westlichen Beziehungen irgendwie in die richtige Richtung zu lenken. Dementsprechend wendet sich das Memorandum an alle Intellektuelle, Politiker, Politik-Interessenten, Menschen, denen die Beziehung mit Russland und die Situation in der Welt nicht egal ist, mit der Bitte, dieses aufmerksam durchzulesen und mit Rückfragen die erklärungsbedürftigen Themen zu offenbaren. Nur dann kann eine sinnvolle Zusammenarbeit entstehen.

Die deutsche Abteilung der Bürgerbewegung „Das Wesen der Zeit“ akzeptiert dieses Memorandum und ist auch bereit, mit freundlichen Kräften auf dieser Basis in jeglichen Wegen zusammen zu arbeiten.

Ohne ein Erwachen, ohne den Willen, den Trend zu ändern, d.h. mit Wort und Tat auf ihn einzuwirken mit dem Ergebnis, dass sich Menschen zu diesem Zweck zusammenschließen, ist eine globale Katastrophe unvermeidlich.

Dieses Memorandum wendet sich an alle, die ernsthaft über die aktuelle Situation in Russland und der Welt besorgt sind.

Antoine de Saint-Exupery musste die schmerzliche Erfahrung machen, dass eine übergroße Zahl von Menschen auf dem Planeten leben, die niemand aufzuwecken vermag.

Leider ist Hilfe beim Versuch, sich selbst und andere zu erwecken, nicht wirksam, wenn der Wunsch zum Erwachen gar nicht erst besteht. Heute empfinden sehr viele Menschen eine Zunahme globaler Schwierigkeiten, eine Verstärkung äußerst gefährlicher Tendenzen in den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen. Doch solange diese Empfindungen nur Empfindungen bleiben und sich nicht zu etwas Entscheidenderem entwickeln, z.B. zu einem, mehr oder weniger Trauer auslösenden, Verständnis für den eigentlichen Inhalt der gegenwärtigen Problematik, werden sie niemanden aufwecken. Dann werden die Menschen nicht motiviert, auf Vorkommnisse aktiv zu reagieren.

Das kann man auch als wachen Traumzustand bezeichnen, oder als Fehlen des Erwachens, wie es auch Saint-Exupery ausdrückte. Doch ohne ein Erwachen, d.h. ohne die Entschlossenheit, das Ruder mit Wort und Tat herumzuwerfen, sich zur Veränderung der Situation mit anderen zu vereinen – ist eine globale Katastrophe unvermeidlich. Und egal welchen Charakter diese Katastrophe auch annimmt, sie wird hauptsächlich eine Katastrophe der Willenlosigkeit sein. Die Hauptquelle dieser Willenslosigkeit wird das Fehlen von Antworten auf die neuen Herausforderungen sein; die mangelnde Bereitschaft, den Stillstand im bestehenden Prozess zu überwinden. Die sich dahinschleppende Welt geht unter, gerade weil die Trägheit die geistige Willensstärke besiegt. Ein wirkliches Aufwachen würde bedeuten, die Trägheit zu besiegen, gleichzeitig die intellektuelle Willensstärke vehement zu verstärken, um das Kräfteverhältnis zugunsten des Letzteren zu verändern.

Dieses Memorandum und die Handlungen derer, die darauf reagieren, kann ein Erwachen gewährleisten, eine Verschiebung der Kräfteverhältnisse verursachen, aus denen sich das Menschsein bildet.

In letzter Zeit ruft die Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen bei sehr vielen Menschen große Sorge hervor. Aber noch beunruhigender ist die Verschärfung die strategische Unklarheit, weil gerade eben eine solche Unklarheit sehr viele globale Katastrophen heraufbeschworen hat. Ein Beispiel dafür ist die Katastrophe des Ersten Weltkrieges, dessen Teilnehmer überhaupt nicht begreifen konnten, in welcher Weise sie selbst und ihre Völker in diese Katastrophe hineingezogen worden waren.

Zweifellos gibt es niemanden unter den Entscheidungsträgern der offiziellen russischen Staatsmacht, der die russischen Beziehungen zum Westen bis zum Niveau extremer Auseinandersetzungen oder eines globalen Krieges anheizen will. Doch in einer vom unkritischen Unklarheit bestimmten Umgebung wird die rote Linie besonders schnell überschritten. Letztlich weiß keiner, welcher Tropfen unter diesen Bedingungen den Kelch zum Überlaufen bringen wird.

Zu einem solchen letzten Tropfen können die Handlungen des «Islamischen Staates» auf dem Hoheitsgebiet Russlands werden, zu denen irgendjemand aus irgendeinem Grunde angestachelt hat. Es gibt immerhin Kräfte, die öffentlich darüber reden, dass eine zweite Front gegen Russland eröffnet werden muss (die erste Front ist die Ukraine).

Zu einem solchen letzten Tropfen können terroristische Aktionen werden, die die Anhänger Banderas (ukrainische Nationalisten) auf dem Gebiet Russlands, in den angrenzenden Gebieten der Ukraine, im südlichen Teil Russlands oder sogar in Moskau durchführen.

Zu einem solchen letzten Tropfen kann der Übergang einer Bandera ergebenen Ukraine zu dieser oder jener Variante eines offenkundigen und weitreichenden Genozids im Donbass werden.

Dieser Tropfen kann eine Aktion von Bandera-Anhängern gemeinsam mit moldauisch-rumänischen Nationalisten zugunsten einer sogenannten Bereinigung, d.h. eines gegen Transnistrien gerichteten Genozids sein.

Der letzte kleine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, können provokative Berichte über eine „russische Besetzung der baltischen Staaten“ sein.

Man weiß aber nie genau, was der letzte Tropfen ist, wenn das Fass bereits zum Rande voll ist. In derartigen Situationen bedeutet dieser Tatbestand wenig für den Verlauf des weiteren Prozesses.

Beim Kampf dafür, dass es Abenteurer, Provokateure und Idioten nicht gelingt, was wir hier den letzten Tropfen nennen, müssen wir gleichzeitig das strategische Kauderwelsch überwinden, der die aktuelle Lage besonders gefährlich macht.

Die taktischen Wege, die Menschen und deren Institutionen begehen können, um die Intensität des Konflikts zwischen Russland und dem Westen zu verringern, sind natürlich höchst gefragt. Wir merken jedoch nicht, dass diese Bemühungen wesentlich zur Veränderung der Substanz der gegenwärtigen Lage beitragen. Dies weist auf die Notwendigkeit hin, über die strategische Problematik zu diskutieren. Wir dürfen nicht warten, bis die Bewohner des einen oder anderen Olymp diese Frage ausdiskutieren. Die Zivilgesellschaft muss hier die Initiative ergreifen – und zwar ihr aktiver, verantwortlicher Teil, der nicht mit Händen und Füßen an die politische Korrektheit, an nicht aufhebbare Verpflichtungen, konjunkturellen oder Prestigefragen, an anstehenden Wahlen oder dergleichen gefesselt ist. Und wenn nach dem Beginn einer ernsthaften Diskussion der strategischen Fragen in der Tiefe der Zivilgesellschaft zu dieser oder jener politische Olympier hinzukommt, kann man das nur begrüßen. Aber das eigene Handeln darf man nicht davon abhängig machen, ob es dann zustande kommt oder nicht. Die Geschichte wird nicht vom Staat, sondern von einem aus dem Schlaf erwachenden Volk geschaffen. Und entweder realisieren wir die Mission des Aufwachsens, oder wir werden unter den Trümmern der gegenwärtigen Weltordnung begraben.

Dieses Memorandum ist ein Beitrag zur längst überfälligen Diskussion über strategische Fragen.

Die Möglichkeit eines großen Konfliktes oder sogar eines neuen Weltkrieges zwischen Russland und dem Westen kann nur in einer Situation der strategischen Verschwommenheit passieren. Wenn jedoch anstelle von strategischer Verschwommenheit, welche durch Konflikte ergänzt wird, ein Übergang der russisch-westlichen Beziehung in ein neues, verständliches Format den Platz einnimmt, sei es auch nur ähnlich derer zu den Sowjetzeiten, dann wird die Zuspitzung der russisch-westlichen Beziehungen keine größeren Konflikte noch einen Weltkrieg erschaffen.

Wenn wir über die Notwendigkeit reden, den Beziehungen zwischen Russland und dem Westen ein neues, deutliches Format zu verleihen, geht es mir nicht um die Einführung einer eindeutig sowjetischen Restauration. Damit dieses neue, strategische Format zur Rettung der Welt deutlich und wirksam wird, reicht es, zuzugeben, dass das gegenwärtige Russland und der gegenwärtige Westen zwei grundlegend verschiedene Welten darstellen. Und eine deutliche Beschreibung, eine strategische Formulierung dieses fundamentalen Unterschieds – mit allen Konsequenzen – wird die Welt nicht zerstören, sondern retten. Darüber hinaus ist es sogar möglich, dass nur das die Menschheit retten kann.

Gestehen wir ein, dass es verschiedene, sich gar nicht ähnliche Welten geben kann, die ihre Unterschiedlichkeit erkannt haben und ihr Selbstverständnis auf der Grundlage dieser Erkenntnis aufbauen.

Manchmal werden diese Welten Zivilisationen genannt. Doch das ist nicht völlig richtig, denn Zivilisationen können weltweit nur auf religiösen Fundament erbaut werden. Und falls es auch andere Welten gibt, existieren sie auf anderen Grundlagen. Die sowjetische Welt war nicht religiös – sie war leider auch zu atheistisch, und dies war eine der Ursachen für ihren Zusammenbruch. Aber es war eine besondere Welt, basierend auf ihren Werten, ihrer Lebensweise, ihrer Wirtschaftsstruktur und vieles mehr.

Somit haben wir das 1. Szenario, die sich auf die Aufgabe reduziert, den Aufbau einer solchen Welt zu beschleunigen und ihre Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Dazu kommt noch der Dialog mit anderen Welten.

Für den Anfang lasst uns anerkennen, dass keiner bisher eine solche Welt geschaffen hat, noch hat schaffen wollen. Dabei sind heute alle Diskussionen hinsichtlich dem Erbau einer Russischen Welt weitgehend eine arglistige Falle, mit Hilfe dessen man die Möglichkeit einer Ruhepause erkauft, um die wichtigste Frage der Gegenwart nicht zu stellen – die Frage der quasi-sowjetischen (para-sowjetischen, neo-sowjetischen) Absonderung Russlands vom Westen.

Man sagt uns: „Was lauft ihr denn gegen eine offene Tür? Wir bauen doch auch so schon unsere Welt – die Russische Welt – auf.“

Doch tatsächlich baut niemand irgendetwas auf. Und wenn einer davon redet, dass die Russische Welt eine russisch-orthodoxe Zivilisation im vollen Sinne des Wortes, d.h. ein orthodox-theokratischer Staat, sein wird, dann will er sich entweder nur auf Wörter beschränken, oder er ist ein Provokateur, dem es eigentlich um den Zusammenbruch der real sich aufbauenden Russischen Welt geht. Es kann sich aber auch um einen Idioten von der Sorte handeln, über die man sagt, dass sie gefährlicher seien als der Feind.

Weil Russland erstens multinational und multikonfessionell ist. Und zweitens ist das Feuer der russischen orthodoxen Kirche absolut unzureichend für den Aufbau einer Zivilisation im engeren Sinne.

Ich möchte gestehen, dass ich persönlich nichts dagegen hätte, in einer streng orthodoxen Zivilisation zu leben. Es ist mir einfach als Experte bewusst, dass es keine Möglichkeiten gibt, die erforderliche Stabilität zu gewährleisten, selbst falls das Gebiet, in dem das Projekt durchgeführt wird, auf die Grenzen der Russischen Föderation beschränkt wäre.

Somit gibt es die Notwendigkeit der Gegenüberstellung zweier Varianten: einer Russischen Welt als eine völlig unbekannte Größe, als eine Art terra incognita, die aufgerufen wurde, die Unterschiede zwischen Russland und dem Westen zu verdeutlichen. Und einer Art „russische Zivilisation“ nach Toynbee, also nur eine Variante der Russischen Welt – ihre am wenigsten produktive, am wenigsten stabile, am wenigsten reale, dafür aber auch simpelste Form.

Ich glaube zum Beispiel nicht, dass die Russisch-Orthodoxe Kirche bereit wäre, blindlings in eine Falle zu streben, die sich als Retro-Utopie der russischen, hundertprozentigen orthodoxen Zivilisation versteht, welche man, erstens im 21. Jahrhundert, zweitens nach der Existenz der UdSSR und postsowjetischen Russlands und drittens in einer Situation mit absolut neuen westlich-russischen Beziehung realisieren möchte. Aber um noch einmal zu betonen, dass jede Variante der Russischen Welt in ihrem Kern russisch und auf der Grundlage der orthodoxen Kultur, welche die reale russische Identität formierte, aufgebaut sein wird. Und man kann jede vernünftige Vergrößerung der Rolle der Russisch-Orthodoxen Kirche (der ROK) in dieser Welt nur begrüßen. Dabei muss man aber zwischen vernünftig und unvernünftig unterscheiden, eine tatsächliche Vergrößerung der Rolle der ROK und eine Forderung über die Notwendigkeit, ihr eine absolute Position zu gewähren, die von keinen real-systematischen Aktivitäten unterstützt wird.

Eine Russische Welt muss man im Interesse der gesamten Menschheit und im Interesse Russlands aufbauen. Dabei besitzen wir im Jahr 2015 unermesslich mehr Wissen darüber, wie man so eine Welt aufbauen kann. Und ebenfalls das unermesslich Leid der praktischen Alternativlosigkeit so eines Aufbaus, die durch die erkannte Unmöglichkeit der Realisierung des so genannten „Jungrussischen Projektes“ – der russischen Variante des berühmten „Jungtürkischen Projektes“ – bestimmt wurde.

Alle Jungprojekte – seien sie russisch, türkisch, ägyptisch oder sonst etwas – sind Projekte des Aufbaus des Volkes und Nation nach dem klassischen, europäischen Muster, um später das Eintreten dieser Völker und Nationen in eine einheitliche, westlich-europäische Welt zu gewährleisten.

Die Unmöglichkeit dieser Projekte ist verbunden mit der Position des Westens, die in den 60-er des 20. Jahrhunderts anfingen, die Ausbreitung ihrer Welt und die vollständige Integration der bereits außerhalb der engen westlichen Gemeinschaft gebildeteren Staaten zu begrenzen. Man kann nicht in eine Welt eindringen, in die man dich nicht hineinlässt.

Niemand hat solch enorme Opfer auf dem Altar zum Aufbau eines Jungprojekts gebracht wie die Türken, die alles ausradierten, was sie mit dem Osmanischen Reich verband. Nun begreifen die Türken, dass diese Opfer umsonst waren. Auch der glühendste und schlagkräftigste Kemalismus wird nicht dazu führen, dass die Türkei im Westen, in Europa, ankommt. Man will dieses Land dort auf keinen Fall als gleichwertige und allen anderen europäischen Staaten ebenbürtige Größe annehmen.

Dort hat Russland noch weniger Chancen auf irgendeinen Erfolg.

Zum einen weil Russland zu groß ist, um Einlass in das bestehende, proamerikanische Europa zu finden. Die Aufnahme Russlands in Europa würde Europa zu antiamerikanisch machen, und dafür ist Europa zu stark an Amerika gefesselt.

Zweitens, weil ein russischer Kemalismus, ein russisches Jungprojekt, zwangsläufig die bestehende Russische Föderation zerstören, und auf deren Trümmern nichts Neues gebaut werden wird. Russland ist in der Tat eine große Welt, die aus kleinen Welten besteht. Diese kleinen Welten sind bereit, sich um einen russischen Kern zu drehen. Sie sind jedoch nicht bereit, sich selbst zu liquidieren im Namen eines jungrussischen Projekts, das ihnen offensichtlich die eigene Zerstörung verheißt. Welten, die Teil eines Imperiums sind – eines russischen, sowjetischen oder osmanischen (diese Welten werden aus einer methodologischen Sichtweise mit einem Komma getrennt, mit für allen offensichtlichen Bemerkungen) – mit Gewalt zu zerstören – das wird heute niemand mehr schaffen. Den Jungtürken gelang es, die sehr kleine armenische Welt zu zerstören; sich von anderen Welten, wie der arabischen, syrischen und griechischen, die ins türkische Imperiums integriert waren, zu trennen. Den Jungtürken gelang es ebenfalls, die kurdische Welt, von der sie sich nicht mehr trennen konnten, sehr stark zu unterdrücken. Und dies alles geschah auf der offensichtlichen Grundlage der Vorherrschaft der eigenen türkischen oder, relativ gesehen, der türkisch-anatolischen Welt, die man mit dem Ziel unterdrücken musste, um aus der türkischen Substanz etwas zu bilden, das als Folge sogar zur Unterdrückung der eigenen türkischen Welt führte – nämlich des jungtürkischen Volkes.

All dies geschah unter anderen Bedingungen als den heutigen. All dies geschah unter einer völlig anderen Konstellation der Kräfte als jene, die im Innern des osmanischen Imperiums vorhanden war. Und alles endete im Nichts. Weil all das für die jungtürkische Idee des Aufbaus einer europäischen, höchst säkularen türkischen Nation und Staates, als Element eines künftigen Groß-Europas gemacht wurde.

Das Scheitern der Idee von der Schaffung eines Groß-Europas mit türkischen Elementen erzeugte die Absage Europas von seinen Vorstellungen von Größe überhaupt. Das führte zu einer tiefgreifenden Überarbeitung aller Fundamente, auf deren Basis sich die Türken auf das jungtürkische Projekt eingelassen hatten. Vor uns tastet die Türkei nun die Möglichkeit anderer Projekte ab. Zu ihnen gehört die islamische und auf langer Sicht unweigerlich osmanisch-kalifatische, pantürkische (im Geiste der rechtsradikalen, türkischen „Grauen Wölfe“) oder noch andere.

Diesen Weg kann Russland nicht gehen.

Auch weil es nun klar ist, dass dieser Weg ins Nirgendwo führt, also in ein Groß-Europa, welches es nicht geben wird.

Auch weil die russische Tradition und Mentalität die Art des Genozids als Fundament ablehnt, auf welcher das jungtürkische Projekt aufbaute.

Auch weil für die Türkei im 20. Jahrhundert einzelne Völkermorde praktisch umsetzbar waren, für Russland im 21. Jahrhundert hingegen sind eine Vielzahl an Völkermorden nicht nur unmoralisch, sondern auch undurchführbar.

Ja, der Zerfall der UdSSR wurde teilweise mit Hilfe der jungrussischen Verlockung bewerkstelligt.

Ja, es dauerte Jahrzehnte, um zu begreifen, dass es sich wirklich nur um eine Verlockung handelt. Aber wir haben diese Jahrzehnte durchlebt. Sie waren eine Art historisches Experiment. Und das obwohl Experimente in der Geschichte sowohl unmoralisch als auch unakzeptabel sind.

Das Experiment wurde durchgeführt. Die Unmöglichkeit eines jungrussischen Projekts ist bewiesen worden.

Die jungrussische Utopie musste mit sehr viel Blut und enormen Kosten vom russischen Volk bezahlt werden. Dieses Experiment weiterführen wollen können nur Provokateure oder bis zum äußersten ignorante Menschen, die sich als unfähig erweisen, selbst aus bitterster Erfahrung etwas dazuzulernen. Benennen wir das jungrussische Experiment als ein Experiment, das katastrophal für Volk und Land war, bei dem Versuch des Aufbaus einer post-sowjetischen Zukunft.

Um zu verstehen, an welchem Punkt wir uns befinden, müssen wir dem Experiment eine Rekonstruktion der Vergangenheit hinzufügen.

Ganz am Beginn des Aufbaus auf den Trümmern der Sowjetunion postsowjetischen, russischen Staates beharrten meine Mitstreiter und ich auf dem Standpunkt, dass eine grundlose Verwerfung der sowjetischen Vergangenheit nicht nur unakzeptabel sei für sehr viele Bürger, die Anhänger der sowjetischen Werten waren, – das wäre ja nur halb so schlimm. Das wichtigste ist ja Russland. Das ist ja gerade die Krux, und das sagten wir schon vor 25 Jahren: eine völlige, pauschale Ablehnung der sowjetischen Vergangenheit, die Entstehung eines durch den Antisowjetismus bedingten schwarzen Lochs, kann nur in einer Katastrophe für alle Russen und Bürger Russlands enden. Und dabei betone ich: für jeden, unabhängig davon, ob die Person sowjetische oder antisowjetische Werte hegt.

Um diese Theorie, die ich als Theorie №2 bezeichne (Theorie №1 ist die Theorie über die Undurchführbarkeit des jungrussischen Projekts), mit einem Experiment № 2 zu bekräftigen, waren die tragischen Ereignisse in der Ukraine notwendig, die die absolute Perspektivlosigkeit einer grundlosen De-Sowjetisierung, das Erschaffen von schwarzen Löchern in der Geschichte, usw. beweisen.

Fangen wir damit an, dass die De-Sowjetisierung natürlich die Entnazifizierung der BRD wiederholt. Deswegen braucht man ja auch eine Gleichsetzung von Nazistischem und Sowjetischem, um eine De-Sowjetisierung in Analogie zur Entnazifizierung durchzuführen. Und die Entnazifizierung wurde in der BRD nicht deswegen durchgeführt, um die deutsch-historische Persönlichkeit vom Nazismus zu bereinigen, sondern, um die deutsch-historische Persönlichkeit an sich zu zerstören. Den Beweis dafür werde ich nicht erbringen, denn darüber ist schon mehr als genug gesagt worden. Die De-Sowjetisierung in der Russischen Föderation war erforderlich, um die historische sowjetische Persönlichkeit an sich zu zerstören. Und eine De-Sowjetisierung war in der Ukraine erforderlich, um die historische ukrainische Persönlichkeit zu zerstören.

Die De-Sowjetisierung bringt unweigerlich eine Erweiterung des Schwarzen Lochs mit sich. Jeder kann sich davon überzeugen, der die Sendungen „Das Wesen der Zeit“ (Internet-Vorlesungen, Anm. d. R.) und „Historischer Prozess“ (Fernsehsendung über die Geschichte Russlands und der Welt in Form einer Gerichtssitzung, Anm. d. R.) verfolgt hat. Swanidse und Piwowarow begannen mit der Entstalinisierung, gingen dann auf die De-Sowjetisierung über. Dann hüpften sie zur Verurteilung des russischen Imperiums von Peter dem Großen und des Moskauer Reiches von Iwan dem Schrecklichen. Das alles lief bis auf Alexander Newski hin.

Eine derartige Zerstörung der historischen russischen Persönlichkeit, der historischen ukrainischen Persönlichkeit und weiterer historischer Persönlichkeiten im Kontext eines Projekts zur De-Sowjetisierung oder Entnazifizierung im größeren oder kleineren Maße kann ihr endgültiges Ziel nicht darin haben, nur alles zu zerstören. Denn eine historische Persönlichkeit kann man nicht einfach so bis auf das Fundament zerstören. Auf den von den Zerstörern geschaffenen Ruinen wird wieder etwas aufwachsen.

Dabei ist klar, dass es sich dabei um eine Art Stammesidentität handeln wird. Eine solche Prognose, die wir bereits vor 25 Jahren auf der Grundlage der Regressionstheorie geliefert haben, hat sich in der Ukraine in vollem Umfang bestätigt. Nachdem die ukrainisch-sowjetische historische Persönlichkeit zerstört worden war, die für das ukrainische Geschichtsbewusstsein noch entscheidender ist als für das russische Bewusstsein, musste alles vernichtet werden, was die Ukraine mit Russland verbindet. Und das ist eben fast alles, was in der Ukraine an Historizität existierte. Des Weiteren war es notwendig, die Historizität überhaupt zu zerstören.

Unter solchen Bedingungen der zerstörten historischen Persönlichkeit ist es unmöglich, eine Nation zu bilden. Man kann nur Stämme auf der Basis einer ahistorischen Utopie formieren. So begann man mit der Bildung des Stammes „Ukrow“, was, wie uns allen bekannt ist, nur auf einem utopischen Anti-Historismus fußen kann. Das könnte auch gar nicht anders sein. Bedauerlicherweise hat unsere langjährige Theorie damit eine einwandfreie experimentelle Bestätigung erhalten. Bestätigt wurde ebenfalls, dass sich die künstlich auf den Ruinen der historischen Persönlichkeit geschaffene Stämme (Ukrow. Rusow oder sonst noch jemand) nicht auf das Christentum beziehen können. Stämme sind auf das Heidentum angewiesen. In der Ukraine ist der neue RUN-Glaube aus einem solchen Heidentum entstanden.

Die Aufdeckung solcher Gesetzmäßigkeiten zeugt davon, dass irgendjemand aus irgendeinem Grunde – unter dem Geschrei über die Großartigkeit der Religion und die blasphemisch antireligiöse Sowjetmacht – die De-Sowjetisierung, Enthistorisierung und Entchristlichung miteinander verbindet.

Wir haben mit einem sehr umfangreichen Experiment zu tun, das mit weitreichenden Zielen durchgeführt wird. Es ist unwahrscheinlich, dass dieses Experiment allein auf die große, ehemalige UdSSR beschränkt ist. Auf dem Boden der einstigen UdSSR schaffen die Experimentierenden ein neues „Afrika“, auf das sie sich nicht beschränken werden. Denn sie müssen in Süd- und Südostasien, Lateinamerika und zum Schluss auch auf afrikanischem Gebiet das Gleiche kreieren. Doch ein Teil davon ist überhaupt nicht gewillt, in eine sogenannte „Vierte Welt“ aufgenommen zu werden.

Um die Afrikanisierung der Welt in dem Umfang auszubreiten, wie ich es oben beschrieben habe, wird der Islamismus in der Gestalt einer großen, alternativen islamischen Religion und Kultur benötigt.

Die verantwortungsvolle Aufgabe fällt auf die Schultern des sogenannten „Islamischen Staates“. Schon jetzt behaupten die Führer dieses Staates, sobald sie in der Zitadelle des Islams ankommen, werden sie die Kaaba (in Mekka) zerstören. Doch werden sie nur die Kaaba vernichten? Damit der Islam als Weltreligion seine Existenz in der Welt gewährleisten konnte, wurde von ihm eine gewaltige Arbeit geleistet – so wurde aus dem Islam des Hedschas-Propheten eine Weltreligion. Durchgeführt wurde diese Arbeit von islamischen Mystikern, Rechtsgelehrten und Philosophen. Genau die gleichen Anstrengungen unternahm auch einst die christliche Welt, um das ursprünglich lokale Christentum in eine Weltreligion zu verwandeln.

Die Predigten des sogenannten Salafismus, welche berufen wurden, diejenigen intellektuellen und geistigen Bauten zu zerstören, welche auf den großen, ursprünglichen Lehren aufgebaut wurde, zielen angeblich darauf ab, den wahren Kern der Lehre offenzulegen. Diese reinen offengelegten Kerne sind aber gar nicht in der Lage, irgendeinen Inhalt zu behalten, und es ist noch nicht einmal klar, ob sie in diesem Zustand überhaupt überleben können. Aber in jedem Fall ist eine neue Jahrhundertarbeit vonnöten, damit diese Enthüllungen eine Weltbedeutung erlangen oder zumindest in einem bedeutenden Maße für die große islamische Welt signifikant werden.

Es gibt keine Jahrhunderte, um diese Arbeit auszuführen, es gibt auch keine Menschen, die bereit sind, die Aufgabe auf sich zu nehmen.

Das bedeutet, dass auf diese offengelegten Kerne von den Islamisten ein beliebiger Inhalt aufgewickelt wird, welcher berufen ist, den stammesbezogenen Ursprung auf einen völlig neuen Geltungsbereich, der einen vollkommen anderen territorialen Maßstab besitzt, umzudeuten. Und das ist nicht nur territorial zu verstehen.

Was genau soll auf diesen Kern aufgewickelt werden, und warum?

Unter der Ägide einer radikal-islamistischen Auffassung von der Unzulässigkeit einer sogenannter Dschahiliya, d.h. von Heidentum, werden die Salafisten der jüngsten Zeit eine Pseudo-Utopie schaffen, die unweigerlich einen ultra-dschahilistischen Charakter gewinnen wird. Der Stammesgeist wird sich in neuer Fassung zeigen. Man wird sich bemühen, ihn sowohl ultra-dschahilistisches, als auch postmodernistisch, extrem ehrgeizig und extrem aggressiv zu gestalten. Und wenn er dann in dieser Art geschaffen und mit den Massen, die bereits von der als Islamisierung getarnten Entislamisierung desorientiert wurde, verbunden wird, dann werden die Organisatoren dieses globalen Experiments diese glühenden islamistische Massen auf die Entwicklungsländer Asiens werfen: auf Indien, China, Vietnam – eben dort, wo sich eine islamische Welt noch entwickeln könnte.

Danach wird die erste Phase der Neuformatierung der Menschheit beendet sein. Die Menschheit wird bestehen aus einem schmalen, spezifisch westlichen Kern mit einer großen, wilden Peripherie. Die Peripherie wird Druck auf den Kern ausüben. Der Kern wird mit Druck auf die Peripherie erwidern. Das Ergebnis wird eine umfassende, tiefe Transformation sowohl des neuen Kerns, als auch der neuen Peripherie sein.

Diese Transformation muss gesondert behandelt werden. An dieser Stelle möchte ich nur sagen, dass der Preis für die Annahme oder Ablehnung einer totalen De-Sowjetisierung sehr hoch ist.

Mit der Ablehnung der totalen De-Sowjetisierung hat das postsowjetische Russland die Erwartungen von Kräften und Strukturen betrogen, die dieses globale Experiment einzugehen gedachten, dessen Gelingen sie einer ungeheuren Bedeutung beimessen. Dabei ist die Ablehnung dieser De-Sowjetisierung in Russland irgendwie nebenbei passiert. Diese Ablehnung hat ungefähr den gleichen vagen Charakter wie das heutige Konzept einer Russischen Welt. Es fehlt wieder eine derartige Endgültigkeit und Planung, ohne die wir keine Antwort auf die Herausforderungen der Epoche geben können, und ohne die wir sonst vollständig vernichtet werden.

Eine vollwertige Russische Welt kann nur eine Welt sein, die den sowjetischen Ansatz gemeinsam mit anderen Anfängen unserer Geschichte in sich aufnimmt. Sie kann nur eine Welt sein, die offen ist für andere Welten, welche sich innerhalb des semantischen Anziehungsfeld bilden, ähnlich wie sich die Planeten um die Sonne herum gebildet haben. Das haben die Schöpfer der sowjetischen Welt hervorragend verstanden, als sie in der Staatshymne des sowjetischen Staates fixierten, dass dieser Staat die Welt aller Welten sei. Wobei diese Welt einen eindeutig russischen Kern besitzt. Und nicht eine Welt ohne Kern, wie sich einige Philosophen das wünschten, die von einer russischen Welt der Welten sprechen.

In der (sowjetischen, Anm. d. R.) Hymne wurde alles genau gesagt: „Die unzerbrechliche Union der freien Republiken vereinigte für die Ewigkeit die große Rus“. Die große Rus ist dabei der russische Kern. Und die freien Republiken — das sind Planeten, die um diesen Kern kreisen.

Dies ist kein kleinrussisches Projekt, welches das unerträgliche und für heute unmögliche Blutvergießen mit einer für Russland absoluter Destruktivität und historischer Perspektivlosigkeit vereint.

Dies ist nicht die Welt der Welten, in der es überhaupt keinen Unterschied zwischen einem russischen Kern und einer symphonisch organisierten Peripherie gibt.

Das ist eine ganz bestimmte Welt. Ihrer Natur nach unweigerlich russisch-sowjetisch, offen, global bedeutsam und standfest. Nur durch die Schaffung einer solchen Welt können wir ein neues Format für unsere Beziehungen mit dem Westen finden, während wir ohne jegliche Beleidigungen, ruhig, respektvoll unseren eigenen Weg beschreiten, dabei jedoch die Distanz zum Westen erhöhen.

Je früher wir das tun, desto besser wird es für uns sein, und alle anderen auch. Und wenn wir das schaffen, werden wir alles andere tun als uns im großen Asien auflösen, ganz im Gegenteil, nur so werden wir unsere Welt gegenüber den anti-islamischen Islamisten verteidigen können (die Rechtfertigung für so einen paradoxalen Begriff habe ich oben aufgeführt). Die reale islamische Welt vom Pseudo-Islam beschützen. Und, wie bereits erwähnt, schaffen wir damit gleichzeitig, auch das große Asien vor ihm zu beschützen.

Und das wird eine nichtwestliche Menschheit mit ihren Vorstellungen von Entwicklung ins Leben rufen. Die nichtwestliche Menschlichkeit wird dem Westen sagen: „Du wirst mit uns rechnen müssen. Wir wollen nicht mit dir kämpfen, aber wir existieren. Wir wollen auch nicht unsere grundlegenden Prinzipien aufgeben, die uns vereinen in dem Wunsch, nicht nur irgendwie zu überleben und zu konsumieren. Wir wollen gerade den Kern aufbauen, unterstützen und entwickeln, der uns das historische Dasein im höchsten Sinne ermöglicht – also das humanistische Sein.“

Wenn der Westen hartnäckig auf dem Übergang zu einer verstärkt anti-humanistischen und anti-historischen Lebensweise besteht, werden wir ihm mit Bedauern dieses Recht zugestehen. Aber wir werden nicht zulassen, dass er uns sein neues Format aufzwingt. Und hinter unserer Weigerung wird eine reale Kraft stecken.

Wenn sich seriöse Kräfte im Westen weigern, diese anti-humanistischen und anti-historischen Tendenzen fortzuführen, sind wir bereit, ihnen eine helfende Hand zu reichen, in keiner Weise sich an der Souveränität westlichen Völker und Nationen zu vergreifen.

Wir hoffen auf den Sieg dieser Kräfte. Wir glauben an die Möglichkeit ihres Sieges, an die Möglichkeit, eine Welt zu schaffen, die von einer neuen Historizität und einem neuen Humanismus durchdrungen ist. An die Völker und Nationen, die fest an die eigene Vorstellung von einer höheren menschlichen Bestimmung glauben. So eine Welt kann per Definition nur eine Welt der Welten sein, also Integrität und Symphonie bedeutet.

Wenn die Russen den anderen Welten ihre historische Erfahrung der Symphonie, ihre Erfahrung mit der Ganzheit und dem höheren Sinn mitteilen, gehen sie davon aus, dass das allgemeine und das eigene Wohl vollkommen übereinstimmen. Sie haben nicht die Absicht, ihr eigenes Wohl auf Kosten der übrigen Menschheit zu erkaufen. Und sie haben nicht die Absicht, auf das eigene Wohl zu verzichten, wegen Lügen über Opferbringung. Da ein lügenhaftes Verständnis der Opfergabe heute allzu sehr mit Kannibalismus verwandt ist.

Man wird uns fragen, ob es noch andere Szenarien gibt, die es uns erlauben, die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen aufzubauen und dabei den Knoten der Weltprobleme, der immer stärker und stärker angezogen wird, zu lösen. Im Prinzip gibt es solche Szenarien.

Das 2. Szenario setzt voraus, die Hauptsackgasse in den gegenwärtigen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen zu überwinden. Diese Sackgasse basiert auf den Wünschen des Westens, und bezieht sich formal auf das, was sich im Jahre 1991 abgespielt hat. Nur eine derart formale Haltung erlaubt es dem Westen, die Vereinigung der Krim mit Russland als „Annexion“ zu etikettieren. Und die Anerkennung, dass es sich bei der Vereinigung mit der Krim um keine Annexion handelte, ist dementsprechend nur im Falle einer tiefen internationalen Revision dessen, was im Jahr 1991 vorgefallen ist, möglich.

Es kann nicht sein, dass man mit Russland handelseinig werden will, nach Russland kommt, um die Beziehung zu mildern – und gleichzeitig von einer „Annexion der Krim“, „einer kriminellen Annexion der Krim“ oder Ähnlichem redet. Genau wie es nicht möglich ist, damit zu rechnen, dass Russland in der Krim-Frage nachgeben wird. Dementsprechend ist es notwendig, das Vorgefallene damals zu überprüfen, und anzuerkennen, dass Russland und die UdSSR 1991 unrecht behandelt worden ist. Damals wurden fundamentale Rechtsprinzipien der politischen Zweckmäßigkeit geopfert, nach der Devise, dass das Ziel die Mittel heiligt. Von Seite des Westens muss eine Aussage mit entsprechender Vollmacht folgen: „Ja, damals haben wir unmoralisch und leichtsinnig gehandelt, gegen das Helsinki-Abkommen und vieles mehr verstoßen. Ja, damals haben wir schreckliche Fehler begangen. Und nun sind wir bereit, das wiedergutzumachen. Und das nicht irgendwie maschinell, sondern offen und in rechtsverbindlicher Form, basierend auf einer Entscheidung der UNO oder einer globalen Konferenz, die über die entsprechenden rechtlichen Befugnisse verfügt.“

Wenn dies gesagt und umgesetzt wird, kann die Abwendung Russlands vom Westen auf einer nicht konfrontativen Basis überwunden werden. Das ist die Option Nummer Zwei. Und der Westen muss verstehen, was ihm mit dem 1. Szenario blüht. Er muss verstehen, dass alle Unkosten, die für ihn bei der Realisierung des 1. Szenarios entstehen, minimiert oder sogar beseitigt werden könnten,, wenn er nur das 2. Szenario auswählt.

Es gibt noch das 3. Szenario, bei dem der Westen und Russland unter der gegenseitigen Verschwiegenheit agieren. Russland wird demnach irgendwie ins Ohr geflüstert: „Es tut uns leid, wir verstehen alles. Wir werden, im Grunde genommen, unsere Augen bei der einen oder anderen Aktivität von Euch schließen. Aber versteht uns bitte auch. Wir dürfen nicht einräumen, dass wir große Fehler begangen haben, als wir den Kalten Krieg wieder neu angefangen haben, als wir mit unseren Friedensversprechungen deine Nachgiebigkeit ausgenutzt haben, um das in eure Liquidierung zu verwandeln. Ja und wie können wir das jetzt noch gut machen? Also erstellt ruhig eure Welten – wir werden dem nur ein wenig Widerstand leisten. Unser Widerstand wird rein optischer Natur sein. In vielen Fällen werden wir euch sogar den Ball zuspielen.“ Das 3. Szenario ist kein strategisches; früher oder später muss es entweder im Übergang zu den oben genannten Szenarien, oder in den Szenarien, die ich jetzt noch beschreiben werde, enden.

Das 4. Szenario – den Niedergang Russlands zu Ende zu führen mit allen möglichen Mittel, einschließlich regionaler Kriege. Der Hauptkrieg ist natürlich ein vollwertiger Krieg mit der Ukraine, den man uns ständig aufdrängt. Wenn es nicht genug Kriege geben wird, wird noch eine weitere Reihe von Kriegen aufgezwungen.

Das 5. Szenario – ein Atomkrieg mit Russland. Ich weiß aus erster Hand, dass bestimmte Kräfte im Westen diese Variante umsetzen wollen, noch ehe das 1. Szenario realisiert wird.

Ich fordere die Intellektuellen Russlands und der ganzen Welt dazu auf, dieses Memorandum, das offen für alle ist, mit Verantwortung entgegenzutreten. Dieses Memorandum wird bedingungslos durch die Bewegung «Das Wesen der Zeit“ und die mit ihm verbundenen Kräfte unterstützt. Es ist zwingend notwendig, dass auch weitere Kräfte und Institutionen es unterstützen, die in der Lage sind, bei der Aufhebung dieser heutigen, wie nie zu vor gefährlichen, strategische Unsicherheit mitzuwirken.

Sergej Kurginyan, 3. Juni 2015

veröffentlicht in der Zeitung „Das Wesen der Zeit“
№130 am 3. Juni 2015
Eine großen Dank für die Hilfe bei der Übersetzung geht an Dr. William Yoder und Dagmar Henn

 

 

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