Die Ursprünge der amerikanischen Vorstellungen von Exzeptionalismus

Seit Bestehen des amerikanischen Staates haben sich die Amerikaner stets für ein besonderes Volk gehalten. Und überhaupt ist es zu keiner Zeit möglich, einen Staat zu etablieren ohne einen Glauben seitens seiner Gründer an eine besondere Mission. Doch ist die Frage nach dem genauen Inhalt dieser Mission der USA der internationalen Gemeinschaft heute von zunehmendem Interesse. Das Interesse steigert sich weiter mit der anwachsenden Zahl und den wachsenden Ausmaßen der von der US-Politik provozierten kriegerischen Auseinandersetzungen.

Die umfangreichen Katastrophen, die diese Konflikte verursacht haben, führten zum sarkastischen Ausdruck von einer „besonderen Rolle der USA in der Welt“ – er wurde auch allgemein akzeptiert und bis zum Abwinken wiederholt. Demnach ist es erst recht wichtig, zu verstehen, wie das zustande kam und was die amerikanische Vorstellung vom eigenen Exzeptionalismus ursprünglich beinhaltete.

Entstehung und Inhalt der ursprünglichen amerikanischen Vorstellung vom eigenen Exzeptionalismus zu begreifen.

Als Erster beschrieb der französische Philosoph und Politiker Alexis de Tocqueville in seinem bedeutenden Werk „Die Demokratie in Amerika“, das 1835 und 1840 herauskam, diese amerikanische Besonderheit. Tocqueville selbst war kein Couch-Gelehrter: Ende der 1840er Jahre fungierte er als französischer Außenminister.

In diesem Werk schreibtTocqueville: „Die Lage, mit der die Amerikaner konfrontiert sind, ist absolut einzigartig. Kaum jemals zuvor hat sich ein anderes demokratisches Volk in einer ähnlichen Situation befunden.“ Nach Tocqueville entstand dieser Exzeptionalismus im Wesentlichen aus den besonderen Bedingungen des amerikanischen Kontinents – seinem puritanischen Weltbild z.B. konnte laut dem französischen Denkers nur auf dem amerikanischen Kontinent eine solche herausragende und einzigartige Nation entstehen.

Von Anfang an formierte sich Amerika als eine Neue Welt und als Alternative zu Europa, die sich als die Alte Welt begriff. Die erste englische Kolonie entstand in Virginia 1607 und erhielt den Namen „Jamestown“. 

Im Europa der damaligen Zeit herrschten noch feudale Bedingungen, doch dieses Alte Europa ging seinem Ende entgegen. Starke Anzeichen dafür waren die Reformation des 16. Jahrhunderts und die darauffolgenden Religionskriege. Die sich ausweitende Bewegung des europäischen Protestantismus warf dem Katholizismus Entartung und Säkularisierung vor. Allerdings war die Macht des Katholizismus in Europa nach wie vor enorm und deshalb beanspruchte der Protestantismus zunehmend den Aufbau einer eigenen – neuen – Welt. Ein Ausweg bot die Flucht aus der alten, vergehenden Welt in eine neue, in der es weder Könige noch kirchliche Hierarchen gibt.

Ein wichtiges Ereignis in der amerikanischen Geschichte ist die Ankunft der Kolonisten auf dem Schiff „Mayflower“. Es war ein bescheidenes Handelsschiff, das den englischen Hafen von Plymouth verlassen hatte, doch dessen Passagiere hatten die Absicht, nach deren Ankunft in der Neuen Welt eine Kolonie zu gründen. Im Jahre 1620 schlossen die Pilger eine Vereinbarung, die die Absicht bekundete, das Regieren der Kolonie auf die Prinzipien von Demokratie und Selbstverwaltung einzuschränken. Später bildete dieses Prinzip die Grundlage für die amerikanische Verfassung. Nach diesem Prinzip entstanden auch weitere Kolonien in der Neuen Welt.

Die ersten Kolonisten waren äußerst religiös. Der bekannte, neokonservative, amerikanische Historiker Daniel Boorstin betonte jedoch, der puritanische Glaube der Kolonisten konnte seine Reinheit und Rechtgläubigkeit nur dadurch bewahren, dass er sämtliche Abweichler aus der Gemeinschaft verstieß.

Nach der Auffassung von Boorstin und vielen anderen amerikanischen Historikern, verfügt der amerikanische Glaube über eine ganz besondere Bestimmung in seinem eigenen Lande. John B. Carpenter, der Autor des Buches „New England’s Puritan Century: Three Generations of Continuity in the City Upon a Hill“, schreibt: „Die Puritaner waren Kinder der Reformation. Als Folge ihrer Zeit entstand eine Neudeutung des Christentums von historischer Dimension: Gott wirkt in die Gegenwart hinein; er lenkt die Geschichte und wirkt durch besondere Vermittler.“ So empfand sich jeder Puritaner als Vermittler zwischen dieser Welt und der Welt auf dem Hügel. Er trug eine bestimmte Wahrheit in diese Welt hinein und war bereit, für sie zu sterben.

Das Schlüsselbild bei dieser Weltsicht ist die amerikanische Vorstellung von ihrem Lande als „Stadt auf dem Hügel“.

Aber wie ist diese Vorstellung entstanden? Die Quelle dieses Ausdrucks ist in der Heiligen Schrift zu finden. Die synodale Fassung der russischen Bibel verwendet das Wort „Berg“, doch die englischen Fassungen der Heiligen Schrift benutzen das Wort „Hügel“.

Im Buch des Propheten Jesaja heißt es: „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem“ (Jesaja 2,2-3).

Im Matthäus-Evangelium steht: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein“ („Hügel“ im Englischen) (Matt. 5,14).

Dieser Ausdruck wurde erstmals von John Winthrop, einem Gouverneur des Bundesstaates Massachusetts und einer der bekanntesten Persönlichkeiten der amerikanischen Geschichte, gebraucht. Die „Standard Bible Encyclopedia“ liefert eine kurze Beschreibung der Persönlichkeit John Winthrops und seines Wirkens, die einen Eindruck von der Nähe seiner Positionen zu den Prinzipien des theokratischen Staates vermittelt. Dort steht u.a.; „John Winthrop (1588-1649) – Kongregationalistischer Theologe, religiöser und politischer Aktivist. Aus einer englischen Familie von reichen Grundbesitzern. Er wurde in Cambridge ausgebildet und war als Anwalt tätig. Er weil Teil der parlamentarischen Opposition. Ein überzeugter Puritaner, sah er es als seine Pflicht vor Gott an, der katholischen Expansion in Mittelamerika Einheit zu gebieten. Winthrop organisierte eine große Übersiedlungsaktion von Protestanten nach Neu-England. Dort wurde gerade die Massachusetts-Kolonie geschaffen; Winthrop wurde deren Gouverneur.“

„Winthrop, der im Jahre 1630 die Atlantik überquerte, predigte ‚das Beispiel christlicher Barmherzigkeit‘ und schuf das Programm für eine von Gott auserwählte Gemeinschaft auf amerikanischem Boden. Der Schlüsselbegriff dieses Konzeptes lautete ‚Gott auf dem Hügel‘ und wurde von Winthrop mit Berufung auf die Heilige Schrift (Jesaja 2,2-3 und Matthäus 5,14) eingeführt.“ 

Diese Beschreibung macht klar, dass Winthrops Vorstellung von dem, was in der künftigen amerikanischen Gesellschaft werden sollte, äußerst radikal war: „Winthrop verstand die Entstehung und Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft als heiliges Unterfangen, als die Schaffung eines neuen Zions, das das Zentrum des göttlichen Reiches auf Erden bilden sollte. Die Theologie Winthrops deutete im symbolischen Sinne alle natürlichen und gesellschaftlichen Ereignisse im Leben der Einwanderer als göttliche Weisungen. Im administrativen Wirken Winthrops begann das Konzept einer Zusammenführung von Säkularem und Kirchlichem theokratische Züge anzunehmen. Das theologische Konzept einer göttlichen Mission zum Aufbau eines ’neuen Kanaans‘ wertete religiöse Widerstände als Machenschaften des Teufels, die das Errichten der ‚Stadt auf dem Hügel‘ erschweren.“

„Neu-Kanaan“ war die erste Bezeichnung für Neu-England, die die Vorstellung von Amerika als verheißenes Land andeutete.

Winthrop selbst schrieb: „Wir sollten im Auge behalten, dass wenn wir eine Stadt auf dem Hügel sind, die Augen aller Nationen auf uns gerichtet sein werden. Und wenn wir die Erwartungen unseres Herrn enttäuschen in den Sachen, die wir unternehmen, werden wir als Paradebeispiel dienen für unsere Feinde in der ganzen Welt, die über die Wege des Herrn und seiner Anhänger lästern.“

Diese Passage enthält die kategorische Aufforderung, Maßnahmen zugunsten der Schaffung einer neuen Weltordnung zu entwickeln. Nach vorne schauend, stellen wir fest, dass das gesamte politische Denken der USA auf die Begründung konkreter politischer Handlungen zielt. Tocqueville bestätigt diese Eigenschaft der Amerikaner: „Ihre überwiegend puritanische Herkunft, ihre außergewöhnlichen geschäftlichen Fähigkeiten, sogar bezüglich der Erde, auf der sie wohnen – alles scheint dem Ziel zu dienen, ihr Intellekt abzulenken von einem Befassen mit Wissenschaft, Literatur und bildender Kunst. . . . Alles kommt auf merkwürdiger Weise zusammen, um das amerikanischen Bewusstsein auf die Pflege der ausschließlich materiellen Ebene festzulegen.“

In der nächsten Phase der Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft, in der die staatliche Unabhängigkeit erzielt wurde, drängt ein neues Maxim nach vorne. Das ist die These von der Erfordernis, zum Wohle der gesamten Menschheit eine neue Welt in Amerika zu schaffen. Eine neue amerikanische Ideologie beginnt, ihr Gesicht dem Rest der Welt zuzuwenden.

Der anglo-amerikanische Schriftsteller und Philosoph Thomas Paine – wegen seiner Verdienste als „Pate der USA“ bezeichnet – schrieb in seiner berühmten Schrift von 1776, „Common Sense“: „Die Sache Amerikas ist die Sache der gesamten Menschheit.“ Er betonte, dass die Amerikaner für die Freiheit von der Tyrannei kämpfen – vielleicht die Einzigen in der Welt, die das tun: „O Ihr, die die Menschheit liebt! Ihr, die es wagt, nicht nur der Tyrannei, sondern auch dem Tyrann zu widerstehen – geht voran! Jeden Fetzen der Unterdrückung der Alten Welt haltet Ihr nieder. Die Freiheit wird auf der ganzen Welt schikaniert. Asien und Afrika haben sie längst vertrieben. Europa findet sie fremd, England hat ihre Ausweisung verlangt. O, nehmt die Flüchtlingen auf und bereitet beizeiten Unterkunft für die gesamte Menschheit vor.“ Darin bestand die Mission der Amerikaner: mit ihrem Beispiel der ganzen Welt den Weg zum Glück zu zeigen. Ihr Glück besteht darin, dass die Freiheit auf ihrem Territorium wohnt. Und gerade deshalb geht von Amerika die Befreiung der übrigen Welt aus.

Bezüglich der Ziele der amerikanischen Außenpolitik ist festzustellen, dass sie 1787 von einem Gründungsvater der USA, Alexander Hamilton, noch vor Verabschiedung der amerikanischen Verfassung formuliert worden sind.

In der 11. Ausgabe der berühmten „Federalist-Papers“, einer Sammlung von Artikeln zur Verteidigung der US-Verfassung, trat er als Verfechter der Seestreitkräfte der USA auf. Hamilton schrieb: „Ein weiteres Mittel, um das Verhalten der europäischen Mächte gegenüber uns zu beeinflussen, ist die Schaffung einer Bundesflotte.“ In diesem Sinne muss eine Flotte nicht unbedingt bei einer militärischen Konfrontation verwendet werden; sie kann auch als Druckmittel eingesetzt werden. Heute im Übrigen übernimmt mehr als ein Dutzend amerikanischer Flugzeugträger genau diese Rolle. Es ist vollkommen möglich, dass sie mit vollem Einsatz bei kriegerischen Auseinandersetzungen niemals eingesetzt werden. Doch die Rolle, die ihnen auferlegt worden ist, führen sie trotzdem vollständig aus.

Hamilton schreib weiter: „Wenn wir fest zur Union stehen, dürfen wir darauf hoffen, dass wir bald die Schiedsrichter Europas in Amerika werden und das Gleichgewicht der europäischen Rivalitäten in diesem Teil der Welt in Übereinstimmung mit unseren Interessen definieren können.“ Sichtbar in diesen Worten ist das künftige Bemühen der USA, früher oder später eine aktivere Rolle in der Weltpolitik zu spielen. Das wird nicht bald eintreten, aber dessen Eintreten ist unvermeidlich. Und dann noch völlig unverblümt: „Mögen Amerikaner die Rolle der Geschütze Europas verachten! Mögen die 13 Bundesstaaten, vereint in einem unauflöslichen und starken Bunde und geschaffen in Übereinstimmung mit dem einzigartigen, großartigen amerikanischen System, die Vereinigung aller transatlantischen Kräfte oder Einflüsse überbieten und fähig werden, die Bedingungen der Beziehungen zwischen der alten und der neuen Welt zu diktieren!“ Hier erkennt man in den Gedanken eines der maßgebenden, amerikanischen Gründungsväter die wahre Mission der USA. Alexander Hamilton schuf die Grundlagen des amerikanischen Expansionismus; seine Sicht der Zukunft haben seine politischen Erben unbeirrt umgesetzt.

Doch in welchem Maße stimmt diese Deutung der Erben mit dem ursprünglichen Ansatz der Gründer und ihrer Orientierung auf das Evangelium überein? Das ist ein Thema, das ein viel gründlicheres Herangehen verlangt. Allerdings darf das Schicksal der amerikanischen Gesellschaft nicht davon abhängen, ob sie es vermag, sich eingehend mit dieser Frage auseinanderzusetzen.

Anton Isakow (Das Wesen der Zeit)
Übersetzt von Dr. William Yoder

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on VKEmail this to someonePrint this page
Loading Facebook Comments ...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Website

4 × fünf =