Faschismus. Fundamentale Ungleichheit.

Quelle: http://bit.ly/1y8DPw1

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Die nächste Eigenschaft des Faschismus ist die fundamentale Ungleichheit. Es gab in der Geschichte verschiedene Begründungen der Ungleichheit. Im Mittelalter wurde die Ungleichheit, also die Ständeordnung, mit dem Verweis auf die göttliche Ordnung der Dinge begründet, wobei alle vor Gott gleich waren. Im Zeitalter des Kapitalismus basierte die Ungleichheit auf den individualistischen/natürlichen Eigenschafen einzelner Menschen, ganz nach dem Motto „das ist ein schlechter, fauler Arbeiter und deswegen ist er kein Rothschild“. Dabei konnte der Kapitalismus ebenfalls auf religiöse Begründungen der Ungleichheit zurückgreifen, wenn man sich an die „Protestantische Ethik“ von Marx Weber erinnert.

Es gab jedoch sowohl im Mittelalter mit der Standesordnung, noch im Kapitalismus keine fundamentale Ungleichheit. Im Mittelalter waren die Menschen metaphysisch gleich gestellt. Im Kapitalismus, mit den Idealen „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, hatten die Menschen, wenn auch nur theoretisch, mehr Gleichheit. Es gab niemals, in keinem dieser Systeme, eine Begründung für das Absolut – „Menschen sind ungleich“. Bis zum Faschismus.

Begründung der Ungleichheit

Der Faschismus begründet die Ungleichheit sowohl nach Außen, als auch nach Innen.

Nach außen wird die Ungleichheit durch die Ungleichheit der Nationen, Rassen usw. begründet – also Rassentheorie. Eine Rasse ist von Natur aus den anderen überlegen. Diese Idee hat der Faschismus vom Kapitalismus der imperialistischen Phase übernommen, als die imperialistischen Mächte so die Ausbeutung der Kolonien legitimierten, und hat es bis an die radikal antihumanistische Grenze getrieben. Und obwohl dies der Fall ist, kann man beide Erscheinungen nicht gleichstellen. Der große Unterschied zwischen dem Kapitalismus in der imperialistischen Phase und dem Faschismus besteht darin, dass im Imperialismus, ungeachtet all der Verbrechen der Kolonisatoren, trotzdem Straßen, Krankenhäuser und Schulen gebaut wurden. Und dass die Kolonisatoren gezwungen waren, die „Einheimischen“ in die Administration und ins Bildungssystem einzubeziehen, um ein reibungslose Funktionieren der Kolonien zu gewährleisten. Die Imperien verstanden sich selbst als Träger der „zivilisatorischen Mission“ („Die Bürde des Weißen Mannes“).

Der Faschismus jedoch, sieht diese „Bürde“ als unnötige Kosten. Und diese Kosten sollte man entweder eliminieren oder wenigstens minimieren. Wieso sollte man diese „Hintangebliebenen“ an die große Zivilisation heranführen, wenn sie eh Untermenschen, also minderwertig, sind? Im Endeffekt führt der Faschismus die Ausbeutung bis aufs Maximum, ohne jedoch dem Anspruch auf die „zivilisatorische Mission“ gerecht zu werden.

Nach innen kann die Begründung der Ungleichheit sowohl einen rassischen/ethnischen Charakter, als auch einen sozialen (z.B. Sozialdarwinismus) in Bezug auf bestimmte Bürgergruppen haben. Diese Ideen nahm der Faschismus aus den europäischen intellektuellen Vorreitern des 19. Jahrhunderts. Gabriele D’Annunzio hat auf folgende Weise die Prinzipien der fundamentalen Ungleichheit beschrieben:

„.. Die Plebejer werden immer Sklaven bleiben, da sie eine angeborene Notwendigkeit besitzen, ihre Hände in Ketten zu legen. Der neue römische Caesar, der von Natur aus zum Herrscher bestimmt ist, wird kommen, um alle Werte, die viel zu lange von verschiedenen Doktrinen akzeptiert wurden, zu zerstören oder zu verdrängen. Ihm wird es gelingen, die ideale Brücke in die Zukunft zu schlagen, die es den Privilegierten endlich möglich machen wird, die Kluft zu durchqueren, die sie bis jetzt anscheinend noch von der begehrten Vorherrschaft trennt.“

Der Faschismus fordert den Elitismus, die Teilung auf Auserwählte und Verdammte. „Jetzt ist die Zeit gekommen zu sagen: Wenige und Auserwählte! …“ – rief Mussolini auf. Aber eine Sache ist es, den Elitismus zu fordern, und eine ganz andere – ihn so zu begründen, dass er die Massen nicht nur nicht verschreckt, sondern im Gegenteil, dass sie ihn verlangen. Wie kann man das erreichen, dass die „Plebejer“ nicht nur ihre niedrige Stellung akzeptieren, sondern auch noch damit zufrieden und stolz drauf sind?

Der Mythos als Umsetzungsgrundlage der Ungleichheit

Dies kann man erreichen mit Hilfe eines Mythos. Mit einem irrationalen Glaubenskonstrukt, der so aufgebaut wird, dass sich selbst äußersten Ausgestoßenen zu den Auserwählten zählen. Der ständige Appel zu „Blut und Boden“, zum erhabenen „Geist der Nation“, zur Großartigkeit des Roms, usw., versicherte selbst den niedrigsten Schichten der Gesellschaft ihren Elitismus.

Wie das funktionierte konnte ein englischer Reisender in Indien im 18. Jahrhundert beobachten. Man brauchte nur den indischen Boden zu betreten, und sofort fing selbst der betrunkenste und begriffsstutzigste Matrose sich als Gentleman zu bezeichnen, da er ja weiße Haut besitzt.

Der Mythos appelliert nicht an die Vernunft (es gibt auch rationale Mythen), sondern an die Instinkte, an Emotionen, an ein bestimmtes primordiales Wesen im Menschen, sei es nun Blut oder Boden.

Im 20. Jahrhundert wurde die Logik der „weißen Haut“ von den Nazis zu ihrem logischen, antihumanistischem Ende geführt. Auf den besetzten Territorien Europas und der UdSSR haben die Deutschen den Mythos der Überlegenheit der „arischen Rasse“ realisiert, indem sie die „minderwertigen Rassen“ vernichteten. Durch dieses Gefühl der eigenen Überlegenheit, kann sich selbst der ungebildetste und stupideste Deutsche als großes, erhabenes Geschöpf ansehen, der über andere herrscht. Und mit so einer Weltanschauung wird er danach auch viel weniger gegen den herrschenden Elitismus im eigenen Land protestieren. Aber allein so ein Mythos reicht nicht aus, um den Massen zu überzeugen. Es fehlt ein weiterer Bestandteil. Der Krieg.

Der Krieg als fundamentale Notwendigkeit des Seins

Neben dem Mythos gibt es noch einen Weg, diejenigen zu kontrollieren, die nicht in die Elite gekommen sind. Das ist der Krieg. Der Faschismus braucht den Krieg. Einerseits, weil er im Rahmen seines korporativen Staates die Klassengegensätze nicht auflöst und deshalb expansionistische Kriege braucht, um die soziale Unzufriedenheit nach außen zu kanalisieren.

Anderseits ist der Krieg eine fundamentale Notwendigkeit der Faschisten. Im Krieg manifestiert sich das universelle Prinzip des Kampfes einer stärkeren Nation gegen die Schwachen. Den Krieg sahen die Faschisten als natürliche Form der Bereinigung der Menschheit von minderwertigen Elementen. Diese Idee war keine rein faschistische. Ende des 19. Jahrhunderts schwebte die Idee der Bereinigung durch den Krieg bereits in den Köpfen der Europäer. Im Jahr 1880 schrieb Feldmarschall Helmuth von Moltke:

„Der ewige Friede ist ein Traum, und nicht einmal ein schöner, und der Krieg ist ein Glied in Gottes Weltordnung. In ihm entfalten sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut und Entsagung, Pflichttreue und Opferwilligkeit mit Einsetzung des Lebens. Ohne den Krieg würde die Welt im Materialismus verschwinden.“

Der faschistisch-futuristischer Dichter Marinetti hat lediglich die Worte von Moltke wiederholt, indem er den Krieg mit dem Aufbau eines neuen Roms verband und die Gottes Weltordnung ausgliederte:

„Wir wollen den Krieg verherrlichen – die einzige Hygiene der Welt… Möge das lästige Andenken an die Großartigkeit von Rom durch ein hundertfach größeres Italien ersetzt werden“

Diese fundamentale Ungleichheit ist auch heute eines der größten Herausforderungen. Um dem Faschismus etwas entgegen zu stellen, muss man die fundamentale Gleichheit der Menschen in gleicher Maße begründen können, wie die Faschisten die Ungleichheit. Wir sehen heute, wie der Trend zu immer größeren werdenden Ungleichheit aufkommt. Und darin besteht das Wesen unserer Zeit. Folgendes Zitat bringt es noch mal auf den Punkt:

„Die Frage liegt in der Formel, im Kern des Geschehens, im Wesen dieser Zeit, über das gesagt wurde „Aber das ist eure Stunde, jetzt hat die Finsternis die Macht.“ Das Wesen unserer Zeit – ist die anthropologische Ungleichheit, die metaphysisch begründet wird“. (Sendung „Das Wesen der Zeit“ 41)

Im Kapitalismus gab es zwar Ungleichheit, aber man wollte Gleichheit erreichen. Im Feudalismus gab es metaphysische Gleichheit („Vor Gott sind alle gleich“). Im Faschismus kann es aber gar keine Gleichheit, egal wie man die Welt betrachtet. Und heute? Kann es im 21. Jahrhundert überhaupt noch Gleichheit geben?

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