Der Kampf um die Sprache in der Ukraine (Eine Analyse)

Text von Ilja Rogotnew, Oles GontscharWie bekannt, haben Abgeordnete der Verchovna Rada gleich nach dem Putsch im Februar eine Prozedur der Aufhebung des Gesetzes gestartet, das der russischen Sprache einen Status der offiziellen regionalen Sprache gab. Wobei der Sprachkonflikt in der Ukraine ohnehin schon erhitzt war. Aktivisten der russischsprachigen Gemeinde haben die ukrainische Gesetzgebung über die Sprache mehrmals als diskriminierend kritisiert (siehe z. B. „Wird die russische Sprache nicht eingeengt?“).

Die internationale Öffentlichkeit hat auf die Verschärfung der Sprachfrage eigenartig reagiert. Die UNO hat es geschafft, innerhalb kürzester Zeit eine Expertise durchzuführen. Aus offiziellen ukrainischen Medien: „Im Innenministerium wurde betont, dass in dem heute veröffentlichen Bericht der Direktion des UNO –Kommissariats für Menschenrechte die Beschuldigungen über Rechtverletzung der russischen Minderheit im Land, die als Ursache der aggressiven Handlungen der Russischen Föderation gegen die Ukraine gedient haben, nachdrücklich zurückgewiesen werden. Gleichzeitig haben UNO-Vertreter Rechtverletzungen der Tataren und Ukrainer, die in Krim wohnen, nach dem Eintritt der Krim in die RF fixiert. Einige Vertreter dieser Völker wurden wegen Einschüchterungen gezwungen, das Territorium der Halbinsel zu verlassen.“ In den Ergebnissen dieser „Expertise“ gibt es nichts Überraschendes, es gibt aber Zweifel, dass die Expertise überhaupt durchgeführt wurde. Wenn die internationale Öffentlichkeit die russische Welt mit Füssen tritt (was jedes Mal passiert), müssen wir selbst die Pflicht der internationalen Experte erfüllen. Was wir hiermit beginnen (und wir rufen alle interessierten Bürger dazu auf, sich der Besprechung des Problems anzuschließen und Daten über die wirkliche Situation zu sammeln).

Aufschrift: „Ukrainische Sprache oder Tod“

 

 

Ausgangssituation

Wie viele Menschen in der Ukraine können als russischsprachig gelten? Die Gallup-Agentur berichtet laut der Untersuchungsergebnisse 2008, dass mehr als 83% der Befragten einen Fragebogen auf Russisch vorgezogen haben. Das heißt noch lange nicht, dass für sie alle Russisch eine Muttersprache ist, aber das lässt vermuten, dass Russisch eine der wichtigsten schriftlichen Sprachen in der Ukraine bleibt (schriftliche und mündliche Sprachen eines Individuums unterscheiden sich sehr oft voneinander).

Laut der Befragung von 2001 ist die russische Sprache eine Muttersprache für 29,6% der Ukrainer.

Offizielle Statistik. „Muttersprache“ (29.6% – Russisch, 67.5% – Ukrainisch)Offizielle Statistik. „Muttersprache“ in einigen Regionen (Charkiw, Odessa, Luhansk, Oblast Saporischschja, Donezk, Krim)
Rote bedeutet die Russische Sprache

Darüber, dass „Muttersprache“ in der Soziologie eine ziemlich widersprüchliche Realität verbirgt, reden wir später. Hier bemerken wir nur, dass viele Experten diese Zahlen für vermindert halten. Hier sind Daten des „Demoskop Weekly“:

 

 

 

„Der Fonds „Öffentliche Meinung“ hat im Februar 2002 2000 Bewohner aller 25 Regionen der Ukraine über ihre sprachliche Zugehörigkeit befragt. Den Befragten wurde eine Frage gestellt: „Auf welcher Sprache fällt es Ihnen leichter, zu reden?“ 44% haben mit Russisch geantwortet, 40% mit Ukrainisch, und 13% konnten gleich gut auf beiden Sprachen reden. In den Hauptstädten der Regionen ziehen 75%der Bevölkerung die russische Sprache vor (und nur 9% die ukrainische), wobei auf dem Land 65% Bewohner Ukrainisch sprechen (und nur 18% Russisch). 44% der Bewohner von Kiew sagten, dass es ihnen egal ist, ob sie Russisch oder Ukrainisch reden, 34% ziehen Russisch vor und nur 10% der Kiew Bewohner Ukrainisch. Ukrainisch und beide Sprachen spricht öfter die ältere Generation, auf Russisch Jugendliche. Die größte Differenz nach dem Sprachmerkmal wird abhängig von der geographischen Lage beobachtet: im Westen und Nordwesten spricht man fast ausschließlich Ukrainisch (92-93% gegen 4-5% Russisch), im Osten – ausschließlich auf Russisch (89% gegen 1% Ukrainisch).

„Auf welcher Sprache fällt es Ihnen leichter, zu reden?“ (Fonds „Die öffentliche Meinung“)
(44% – Russisch, 40% – Ukrainisch, 13% – egal)

Nehmen wir an, dass die wirkliche russischsprachige Ukraine 30-40% der Bürger ausmacht, die im Südosten eine Mehrheit bilden und auf der Krim eine überwältigende Mehrheit. Wir können eine eindeutige Zusammenfassung machen: die moderne Ukraine gründet sich auf zwei großen kulturell-sprachlichen Gesellschaften (die Frage über die Spaltung innerhalb der ukrainischsprachigen Gesellschaft betrachten wir hier nicht, obwohl, falls man sie bedingt auf das „Zentrum“ und den „Westen“ teilt, muss man fast eine demographische Dominanz der russischsprachigen Bevölkerung über die Nachbarn zugeben). In Gegensatz zu UNO-Experten verfügen wir nicht über die Methode der Express-Analytik der Beachtung bzw. Beeinträchtigung der Rechte der Sprachgemeinden. Um die Lage von 30-40% der ukrainischen Bevölkerung einzuschätzen, müssen wir einige Exkurse in die Theorie und die Geschichte der Frage machen.

Methodologische Gründe

Bevor wir die Sprachpolitik in der Ukraine ernsthaft besprechen, müssen wir einige Bemerkungen methodologischer Natur machen.
Erstens. Es gibt keine universellen Rezepte der Lösung der Sprachfrage, es kann hier einfach keine allgemein anerkannten Normen geben. Wir studieren aufmerksam Präzedenzfälle und versuchen, die Logik der Sprachpolitik verschiedener Länder zu begreifen, aber wir vergessen nicht, dass die Sprachsituation in jedem Land einzigartig ist: man muss die Traditionen der Zusammenwirkung verschiedener Sprachgruppen berücksichtigen, den Entwicklungsgrad der literarischen Sprachen, den Grad der Ähnlichkeit der Sprachen, den außenpolitischen Kontext etc. In jeder Situation muss man einen riesigen Komplex von Umständen berücksichtigen, und jegliche Berufungen auf die „Weltstandards“ sind nicht korrekt.

Zweitens. In der Regel tritt die Sprachpolitik im „Übertragenen“ Sinne auf: die Sprache ist ein so starkes Symbol der Identifizierung, dass Menschen viel zu oft (aber nicht immer) unterbewusst dem Kampf für die Sprache eine Menge politischer Sinne verleihen. So wird die Aktivität der russischsprachigen Ukraine nicht nur durch die Einengung der russischen Sprache erhitzt, sondern auch durch das wesentliche Ungleichgewicht in Beziehungen zwischen kulturell-politischen Gruppen der modernen Ukraine – unter anderem, auch durch eine zu auffällige Dominanz der „Westukrainer“ in der Ausbildung, kultureller Politik, Medien.

Drittens. Eine ernste Besprechung der Sprachpolitik bedarf einer Beherrschung minimaler soziolinguistischer Instrumente. Womit wir dazu kommen.
Der Begriff „Staatssprache“ ist in vielen Gesetzgebungen nicht vorhanden, tatsächlich benutzt aber jeder Staat eine oder mehrere Sprachen als Staatssprachen. So war es in der UdSSR üblich, den Begriff „Staatssprache“ zu vermeiden, aber die Sprache des Staates war gerade die russische Sprache; einer ganzen Reihe von Sprachen (Ukrainisch, Georgisch, Armenisch usw.) wurden sehr umfangreiche Funktionen innerhalb der Unionsrepubliken verliehen. Die Staatssprache ist vor allem die Sprache, auf der die Bürokratie mit ihrem Volk kommuniziert.

Man muss allerdings die Staatssprache von der Sprache der tatsächlichen Kommunikationen unter den Bürgern eines Staats unterscheiden. In den Maßstäben der Russischen Föderation und der UdSSR konnte nur die russische Sprache eine Rolle der universalen „Lingua Franca“ spielen. Sie behält diese Rolle in wesentlichem Maß in Kasachstan und in der Ukraine, obwohl die Bürokratie immer öfter ihre „nationalen Sprachen“ vorzieht.

Ein Sprachkonflikt entsteht oft, weil die Interessen und Positionen sogenannter „Muttersprachen“ nicht genügend berücksichtigt werden. Das ist die „erste Sprache“ des Individuums, die er im Alter von bis 5-7 Jahren beherrscht. Eine kognitive Wissenschaft hat ernste Gründe anzunehmen, dass diese Sprache ganz anders funktioniert, als jede „Zweitsprache“, auch wenn ihr Träger sie perfekt beherrscht. So benutzt das Individuum beim Sprechen auf der Nicht-Muttersprache vorwiegend die linke Gehirnhälfte, wobei die Muttersprache beide Gehirnhälften aktiviert. In diesem Sinne ist die Muttersprache mit einem eigenartigen „kognitiven Komfort“ verbunden, obwohl eine andere Sprache sozial komfortabel werden könnte.

Ein Bedürfnis, die Muttersprache zu benutzen, existiert objektiv, wobei es im politischen Kampf am öftesten über die „heimische Sprache“ geredet wird. Viele identifizieren die Begriffe „Muttersprache“ und „heimische Sprache“, andere halten die heimische Sprache für ein politisches Konstrukt. Tatsächlich antworten viele der Befragten bei der Volkszählung auf die Frage über die heimische Sprache, dass es die Sprache ihrer Ethnie ist, obwohl sie selbst diese Sprache nicht unbedingt beherrschen. Genau auf diese Weise wird laut einiger Experten der Grad der Verbreitung der russischen Sprache statistisch gesenkt und die Popularität der Sprachen der nationalen Minderheiten erhöht. Daher identifizieren sich viele Ukrainer, die als Muttersprache Russisch haben, mit der ukrainischen Sprachgruppe. Das Bedürfnis der heimischen Sprache hängt mit dem Anspruch auf eine Identifizierung, auf die Entwicklung des nationalen Bewusstseins, zusammen, und man sollte es nicht mit dem Bedürfnis der Muttersprache verwechseln.

Hier die Meinung des Akademiemitgliedes W. A. Tischkow: „[…] Hätte die UdSSR über eine adäquate Information darüber verfügt, welche Sprachen die Bevölkerung des Landes spricht, und gäbe es eine adäquate Interpretation und Empfindung der Lage im sprachlichen Bereich, wäre der Zusammenbruch der UdSSR unmöglich in der Form, dass der sprachliche „Nationalismus“ der ehemaligen sowjetischen Minderheiten zu einer „Bestrafung“ der russischen Sprache geführt hat, die sogenannten Russischsprachigen in eine Diskriminierungslage gestellt hat […] Es geht vor allem um die Mehrheit der Bevölkerung solcher Länder wie Weißrussland, Kasachstan, Kirgisien, Lettland, Moldau, Ukraine, wo diese Sprache eine Muttersprache für die meisten Weißrussen und für ein Drittel bis einer Hälfte der Ukrainer, Kasachen, Kirgisen, Moldauer war“ (Tischkow W. A. Requiem über Ethnie. M., 2003, S. 210).

Ein weiterer wichtiger Faktor des Kampfs für die Sprache ist eine „angesehene Sprache“. Das ist natürlich kein strenger Begriff, aber es ist ein Teil der objektiven Realität. Das Individuum ist keine Geisel seiner Muttersprache – und ist oft und der Lage, seine sprachliche Wahl zu treffen. Er zieht die Sprache vor, die mit sozialer Aktivität, Karriereaufstieg und Zutritt zur Weltkultur verbunden ist. Sehr oft ziehen Eltern, die als Muttersprachen seltene Sprachen beherrschen, vor, ihren Kindern die Sprache der ethnischen Mehrheit beizubringen. Natürlich war Russisch die angesehenste Sprache in der UdSSR, obwohl in einer Reihe von Republiken auch andere Nationalsprachen ein gewisses Ansehen genossen haben. Nach dem Gewinn der Unabhängigkeit haben viele Republiken der ehemaligen Sowjetunion gezielte Bemühungen unternommen, das Ansehen ihrer Nationalsprachen (Ukrainisch, Kasachisch, Aserbaidschanisch) zu erhöhen.


Man kann – insbesondere im Zusammenhang mit Spekulationen um ein „kleinrussisches Dialekt“ – die Unterschiede zwischen Sprache und Dialekt nicht verschweigen. Es mutet seltsam an, wenn von der ukrainischen Sprache „objektiv gesehen“ als einem Dialekt der russischen Sprache gesprochen wird. Tatsächlich gibt es Beispiele, wenn viel weiter voneinander entfernte Sprachsysteme als dialektische Varianten anerkannt worden sind. So steht es um einige Dialekte der chinesischen und arabischen Sprache. Ein Dialekt wird zu einer nationalen Sprache im Laufe des Sprachaufbaus, die am öftesten durch nationale Intellektuelle verwirklicht wird (Schriftsteller, Linguisten, politische Leiter). In einem vollen Sinne ist nationale Sprache eine literarische Sprache, nicht als die Sprache der Belletristik, sondern als Sprache, die ihre Normen hat, die in Wörterbüchern und Grammatiken fixiert sind, in Schriftstücken weit verbreitet, über spezielles wissenschaftliches, technisches, philosophisches Vokabular verfügt. Alle Sprachsysteme sind an sich wunderbar, aber nicht alle sind literarische Sprachen. Ukrainisch kann man nach einigen Merkmalen für eine der am weitesten entwickelten Sprachen der ehemaligen UdSSR halten; auf ihr wurde Fachliteratur geschrieben (zum Beispiel war sie im Bereich der Chemie und Medizin die Zweitsprache der UdSSR, und die Zahl von Artikeln, die auf Ukrainisch veröffentlicht wurden, überstieg die Zahl der wissenschaftlichen Artikel auf Schwedisch und Niederländisch), sie hat sich als eine Sprache der Literatur verwirklicht, die eine eigene literarische Norm und dialektische Variationen beinhaltet. Demnach sind wir nicht geneigt, wie mansche russische Schriftsteller(Turgenew, Bulgakow etc.) über die „Mova“ zu ironisieren. Das ist eine wunderbare Sprache, die vielleicht nicht so weit entwickelt ist wie die russische Sprache, die aber objektiv in einer literarischen Form existiert.
Gerade die Nähe der ukrainischen Sprache zur russischen und eine offensichtliche Dominanz des Russischen in allen Bereichen des staatlichen Lebens in der vorherigen Periode bestimmten den Problemstatus des „kleinrussischen Dialektes“, der schon längst zu einer literarischen Sprache geworden ist. Die Konkurrenz zwischen den zwei einander nah liegenden Sprachen, von denen eine die viel weiter verbreitete und viel höher angesehene Kultur bedient, hat eine Spezifik der ukrainischen Sprachsituation bedingt.

Die Sprachpolitik des Russischen Imperiums, der UdSSR, der GUS-Staaten

Die russische Sprachpolitik hat einige Etappen durchgemacht, die wir versuchen, kurz zu beschreiben. Hier kann man sich z. B. auf ein sehr angesehenes Buch von Wladimir Michajlowitsch Alpatow „150 Sprachen und die Politik. 1917-2000“ (M., 2000) anlehnen. Gerade aus diesem Werk wurden die wichtigsten Thesen und Fakturen der weitern Darlegung entliehen. Sehr oft reden Forscher der Sprachpolitik über ihre zwei Varianten – einer nationalistischen (die seltsamerweise auch der „sprachliche Imperialismus“ genannt wird) und einer multikulturellen. Im ersten Fall lässt sich eine Einstellung des Staates zur Erschaffung einer einheitlichen sprachlichen und kulturellen Gruppe verfolgen, im zweiten ein Versuch, eine harmonische vielsprachige und multikulturelle Gesellschaft aufzubauen, wo keine „Diskriminierung“ von Minderheiten stattfindet. Wie wir schon sagten ist es der Menschheit bisher nicht gelungen, ein universelles Rezept eines sprachlichen Glücks zu erfinden, und in jeder Gesellschaft entstehen Sprachgruppen, die sich für diskriminiert halten. A propos wird im modernen Russland unter anderem über eine Diskriminierung russischsprachiger Menschen in einigen Republiken (z. B., Tatarstan und Tuvalu) geredet. Wir betonen, dass wir noch nicht von einer wirklichen „Diskriminierung“ reden, sondern nur von einem Gefühl der Diskriminierung, über ein Bedürfnis einiger Gruppen, den Einsatzbereich ihrer Sprache zu erweitern.
Die Politik des Russischen Imperiums kann bedingt als „nationalistisch“ eingestuft werden: der Staat hat sich für die Verbreitung der russischen Sprache und die „Nichtverbreitung“ der Sprachen von Minderheiten eine gewisse Mühe gegeben. Heutzutage ist es üblich, die nationale und sprachliche Politik der Vergangenheit etwas zu idealisieren – in der Realität dagegen unterlagen fast alle Sprachen des Imperiums ernsthaften Eingrenzungen. Unter anderem wurde im letzten Viertel des XIX. Jahrhunderts die Veröffentlichung von Büchern und Zeitschriften auf ukrainischer (kleinrussischer) Sprache verboten. Ein wenig liberaler ging es in Finnland und Polen zu, aber auch dort wurden Versuche unternommen, Bildung und Kultur zu russifizieren.

So ist es dazu gekommen, dass 1917 die Rechte der Muttersprachen zu einem der schärfsten politischen Probleme geworden sind. Die sowjetische Macht hat ein äußerst radikales multikulturelles Programm aufgenommen: in den 1920ern und in der ersten Hälfte der 1930er haben sowjetische Linguisten am Aufbau der literarischen Sprachen für alle Völker der UdSSR gearbeitet, wobei sie deren allmählichem Eindringen in alle Bereiche des sowjetischen Lebens den Weg ebneten. Diese Aufgabe war im wesentlichen Maß utopisch: erstens war es nicht möglich, die Völker, die wirklich eine eigene Sprachen brauchen, aufzulisten (die Sprachwissenschaftler W. Bartold und E. Poliwanow meinten zum Beispiel, dass es im Mittelasien keine Nationalitäten gibt, wobei die Identität hier durch den Glauben und den Geburtsort bestimmt wird); zweitens kamen Fragen auf, welcher Dialekt als eine Grundlage der literarischen Norm dienen soll; drittens hätte die Notwendigkeit für die Bürokratie, auf allen neu erschaffenen Sprachen zu sprechen, den Staatsapparat lahmgelegt; viertens kann man den Faktor der angesehenen Sprache nicht einfach wegdenken; Träger seltener Sprachen haben Lenin entweder gar nicht oder auf Russisch gelesen (das Bedürfnis, sich an die Kultur anzuschließen, hat den Anschluss an die russische Sprache bedient). Unter den Aufgaben, die Wissenschaftler für den Sprachaufbau lösen sollten, war auch der Aufbau der Bildung auf Muttersprachen (einschließlich Studiengänge), was von modernen Ideologen der Sprachpolitik (Z.B. UNESCO-Experten) sehr hoch geschätzt wird. Die multikulturelle Politik der Kommunisten in Interessen der Muttersprachen war oft selbst den Trägern dieser Sprachen nicht wirklich geläufig. „Am meisten hat sich das muslimische Priestertum dieser Politik widersetzt. Hier und dort im Nordkaukasus wurden Lehrer samt ihren ABC-Büchern erschossen“ (Alpatow W. M. 150 Sprachen… S. 46).

1929 wurden vom Zentralen Verlag Lehrbücher auf 56 Sprachen veröffentlicht, 1934 auf 104.

Das Schicksal der ukrainischen Sprache ist wiederum eigenartig. Bis 1919 wurde hier eine Russifizierungspolitik betrieben, weil viele Kommunisten Ukrainisch nicht für eine selbstständige Sprache gehalten haben, sondern für einen Dialekt. Jedoch wurde Frage durch einen damals einflussreichsten in Fragen der Nationalitäten „Fachmann“ gelöst. Auf dem X Kongress RKP (b) sagte I. W. Stalin: „[…] Es ist noch gar nicht lange her, als davon geredet wurde, dass die ukrainische Republik und die ukrainische Nation eine Erfindung der Deutschen ist. Inzwischen ist klar, dass die ukrainische Nation wirklich existiert, und die Entwicklung ihrer Kultur eine Pflicht der Kommunisten ist.“ (Werksammlung, B. 5, S. 48-49).

Mitte der 1930er hat das Konzept des „Sozialismus im einzelnen Land“ endgültig gesiegt. Eine gewisse „Russifizierung“ der Regionen hat begonnen. Sowohl Wissenschaftler für Sprachaufbau als auch nationale Intellektuelle wurden Repressionen ausgesetzt. Ein deutliches Zeichen des Weichenwechsels wurde eine Übersetzung des Schrifttums auf Kyrillisch. Viele Wissenschaftler für Sprachaufbau der „Zwanziger“ haben Lateinisch als ein einheitliches Alphabet der zukünftigen vereinigten Menschheit vorgezogen. An sich ist die Wahl zwischen zwei Alphabeten eher politisch als linguistisch. Beide Alphabete sind gleich bequem für die Wiedergabe der verschiedenen phonetischen Systeme (Lautsysteme). Kyrillisch hat sogar mehr Zeichen als Lateinisch, welches aber aktiv Zusatzzeichen benutzt (die man aber genauso gut in Kyrillisch benutzen könnte). An den lateinischen Alphabeten für die neuen literarischen Sprachen haben allerdings geniale Sprachwissenschaftler gearbeitet. Es genügt beispielsweise eine Persönlichkeit des Erzeugers einer Reihe von Alphabeten E. D. Poliwanow kennenzulernen, um das sehr hohe Niveau der Qualifikation der Wissenschaftler für den Sprachaufbau zu begreifen. Kyrillisches Schrifttum wurde dagegen oft in Eile aufgebaut und war im Sinne der Durcharbeitung der lateinischen unterlegen. Inzwischen wurden viele Fehler korrigiert, und kyrillisches Schrifttum diente einige Jahrzehnte lang als eine Form für viele Sprachen. Erwähnenswert ist, dass beide Alphabete im griechischen Muster wurzeln, und das moderne Kyrillisch ein Ergebnis der Reform Peters des Großen ist: die damals geformte russische Zivilschrift ist im Grunde genommen ein latinisiertes Kyrillisch (das heißt auf die lateinische Schrift unifiziert). Unter Berücksichtigung dieser Umstände sind linguistische Argumente zugunsten des einen oder des anderen Systems am Öftesten die Legitimation der politischen Wahl (Vergl.: Serben benutzen Kyrillisch, Kroaten Lateinisch, obwohl es bis vor kurzem galt, dass sie dieselbe Sprache sprechen).

1938 haben das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei und das Ministerrat eine Verordnung über die „Einführung von Russisch als Pflichtfach in Schulen nationaler Republiken und Bezirke“ erlassen. Endgültig hat der Sprachnationalismus (wir müssen nochmals betonen, dass dies nur eine bedingte Bezeichnung ist) nach 1945 Oberhand genommen. Der berühmte Tischspruch von Stalin „Auf das russische Volk!“ markiert eine endgültige Wendung in der Nationalpolitik. Die poststalinistische Sprachpolitik ist ein Ergebnis einer Überlagerung des radikalen Multikulturalismus der 20er und des späteren bedingten Sprachnationalismus. Eigentlich handelte es sich um eine Massenverbreitung der Zweisprachigkeit als Norm für einen sowjetischen Menschen in den Republiken und Autonomien. So ist angekündigt worden, das Russisch „eine zweite heimische Sprache“ für die nationalen Minderheiten der UdSSR werden soll. Wir bemerken hier, dass die Formulierung an sich nur absurd vorkommen könnte, falls man die heimische Sprache mit der Muttersprache verwechseln würde. Falls man aber den politischen Inhalt des Begriffs „heimische Sprache“ berücksichtigt, kann man einen Versuch der Erschaffung einer einheitlichen Sprachgemeinschaft erkennen, was den Anforderungen eines solches Staates wie Sowjetunion entsprochen hat (industriell, mit hohen Bildungsstandards, schnell urbanisierend).

Azizow O., Mirzaew M., Safaew A., Bujribekow A. Grammatik der usbekischen und russischen Sprachen im Vergleich.
Eine kurze Zusammenfassung. Taschkent, 1965

Die Politik der staatlichen „Zweisprachigkeit“ wird von Sowjetologen fast immer negativ bewertet. Einer der ausländischen „Spezialisten“ hat keine Hemmungen, über die „destruktive Tätigkeit der russischen Sprache“ zu schreiben. (Bruchis M. One step forward, two steps back: on the language policy of the Communist Party of the Soviet Union in the National Republics. New York, 1982, p. 12). Und hier ist die Meinung eines postsowjetischen Autors: „Das (die sowjetische Sprachpolitik) hat zu einer negativen Erscheinung wie ein national-kultureller und sprachlicher Nihilismus gegenüber der nationalen Kultur und heimischer Sprache geführt. In moderner soziolinguistischer Literatur wird solche oder ähnliche Politik als „Sprachimperialismus“ und ihre konsequente Umsetzung als „Sprachgenozid“ oder „Linguizid“ bezeichnet (Nerosnak W. P., Sprachsituation in Russland; 1991-2001 // Staats- und Titelsprachen von Russland. M., 2002 S. 5-6). In Wirklichkeit wäre es nicht schleicht, den sowjetischen Linguizid mit vornehmen demokratischen Praktiken zu vergleichen. In den USA sind im XX. Jahrhundert dutzende von einheimischen Sprachen verschwunden, Holländisch ist fast verschwunden. In Australien sind ca. 100 einheimische Sprachen ausgestorben. In Japan ist neulich die Ainu Sprache ausgestorben (und niemand hat Bildungsprogramme auf Ainu entworfen, Literatur auf Ainu aufgebaut etc.) In Frankreich waren 1930-1940 in Schulen alle Sprachen außer Französisch verboten. Sami Kinder wurden in Schulen von Norwegen und Schweden für das Benutzen der Muttersprache verprügelt. Frankreich hat sich nicht besonders um die bretonische Sprache gekümmert, auf jeden Fall bekamen Baschkirisch und Nenzen Sprache viel mehr Unterstützung. Die Russifizierung hingegen war ein objektiver Vorgang, den die Macht berücksichtigen musste: die Zahl der nationalen Schulen und ihrer Schüler hat sich nach der Schulreform 1958 stark vermindert, nachdem die Eltern das Recht bekommen haben, zwischen russischen und nationalen Schulen zu wählen. Und hätte die UdSSR fortgesetzt, den einheimischen Völkern ihre heimischen Sprachen aufzuzwingen, würde heute über eine zwanghafte Archaisierung geschrieben, nicht wahr?

Die Perestrojka und der darauf folgende Zusammenbruch der UdSSR haben zu einer eigenartigen Wiedergeburt der Utopie der „Zwanziger“ geführt. Republiken und autonome Bezirke der Russischen Föderation, die zuerst große Ermächtigungen im Bereich Bildungs- und Kulturpolitik bekamen, haben angefangen, die „heimischen Sprachen“ ihrer Territorien aktiv zu entwickeln. Dabei hat das Bedürfnis nach Identifizierung sehr oft mit dem Bedürfnis der Muttersprache kollidiert, weil selbst die Vertreter der kleinen einheimischen Völker im Alltag schon Russisch gesprochen haben. Die stärkste Bewegung für „Einheimisierung“ wurde in Tatarstan und Tuva beobachtet; eine eigenartige Situation ist auch in Tschetschenien entstanden, was einer Extrabesprechung bedarf. Der Kapitalismus hat allerdings sowohl im Bereich Verlag, als auch im Bereich Medien Oberhand gewonnen. Und dieses Kapitalismus der Massenkultur hat zu einer wesentlichen Minderung der Veröffentlichungen auf den „heimischen Sprachen“ geführt, weil Russisch nach wie vor die angesehenste Sprache blieb. Ohne staatliche Unterstützung führt eine Konkurrenz der Sprachen vorprogrammiert zum Sieg der Sprache der Mehrheit.

A propos die sogenannte „Einheimisierung“. Hier die Meinung eines weiteren Forschers im Bereich Sprachpolitik: „Der Zusammenbruch der UdSSR hat mit dem mobilisierten Linguizismus angefangen, wo die Sprachen der einheimischen Nationen den Status der Staatssprachen bekamen, den Zutritt der Vertreter von nicht-einheimischer Bevölkerung in die Machtstrukturen praktisch sperrten und dazu führten, dass drei Ergebnisse erreicht wurden: beschleunigte Neueinheimisierung der Machtstrukturen und Verwaltungsapparate, Aufbau eines ethnokratischen Regimes und letztendlich Zusammenbruch der UdSSR (Guboglo M. N., Sprachen der ethnischen Mobilisierung. M., 1998, S. 391).

In den neuen unabhängigen Staaten hat in der Regel eine harte Strategie des Sprachnationalismus Oberhand genommen. Besonders demonstrativ sind die Beispiele von Lettland und Estland, wo die russische Sprache vollständig aus dem Bereich der offiziellen Kommunikation verdrängt wurde. Etwas milder ist die Situation mit der Sprachpolitik zum Beispiel in Armenien, wo wir allerdings mit einer ethnisch praktisch einheitlichen Gesellschaft zu tun haben (das heißt, es gibt einfach keine potentiell diskriminierte Minderheit). Günstige Bedingungen für die russischsprachige Bevölkerung sind in Weißrussland entstanden. Interessant ist auch die Position von Kasachstan, der die russische Sprache zum nationalen Wert nicht nur der Russen, sondern auch der Kasachen erklärt hat (obwohl die Realität oft von Deklarationen abweicht). In seinem Appell an das Volk von Kasachstan 2007 hat Präsident Nazarbajew „eine gestufte Umsetzung des kulturellen Projektes ‚Dreieinigkeit der Sprachen‘“ vorgeschlagen. „Kasachstan soll in der ganzen Welt als ein kultiviertes Land angesehen werden, deren Bevölkerung drei Sprachen benutzt. Das sind: Kasachisch als Staatssprache, Russisch als Sprache der internationalen Kommunikation und Englisch als Sprache der erfolgreichen Integration in die globale Wirtschaft.“
Machen wir zwischendurch eine kurze Zusammenfassung. Die Sprachpolitik in der UdSSR war recht heterogen und kann kaum als ein „Sprachapartheid“ interpretiert werden. (A propos wurde während der wirklichen Apartheid in Südafrika gerade eine einsprachige Bildung auf Muttersprachen zwangsläufig praktiziert, was die Vertreter der Sippen daran hinderte, sich zum Freiheitkampf zu vereinigen und ihnen den Zutritt zur Weltkultur sperrte). Der harte Sprachzentralismus des Russischen Imperiums war ganz typisch für die Staaten im XIX. Jahrhundert, und obwohl der Unmut der nationalen Intellektuellen wegen der Sprachpolitik des Imperiums berechtigt war, lässt der allgemeine Weltkontext dort eine Logik und Gesetzmäßigkeit erkennen. Die Sprachpolitik des jungen sowjetischen Staates hat zahlreichen ethnischen Minderheiten die Entwicklung der Sprache, des Schrifttums und der Kultur gesichert. Die sich später eingebürgerte Politik der Zweisprachigkeit kann als progressiv bewertet werden, obwohl Übertreibungen in beidem, Russifizierung und Einheimisierung, stattgefunden haben. Der im postsowjetischen Raum entstandene Sprachnationalismus der Nationen, die ihre Unabhängigkeit erhalten haben, kann auch als eine universelle Erscheinung gesehen werden; eine zentralisierte Sprachpolitik begleitet immer den Aufbau von Nationalstaaten.

Wenn wir jetzt den Konflikt zwischen der russischen und der ukrainischen Sprachgemeinde betrachten, müssen wir zugeben, dass beide Seiten ein großes Gepäck gegenseitigen Unmutes und Ansprüche haben. Selbstverständlich sind die Ansprüche der Ukrainer an die alte Sprachpolitik riesengroß und in vielen Hinsichten begründet (das Verbot der ukrainischen Sprache im vorletzten Jahrhundert, die inkonsequente Politik des vorigen Jahrhunderts, die unter anderem auch ukrainische Kulturträger Repressionen ausgesetzt hat). Wir sehen aber auch Tatsachen der bedingungslosen Unterstützung der Entwicklung der ukrainischen Sprache durch die sowjetische Macht, wie auch Tatsachen der Ukrainisierung in der postsowjetischen Zeit. Es ist offensichtlich, dass eine weitere Ukrainisierung in eine Sackgasse führen würde: es gibt dort zu viele Sprachträger mit Russisch als Muttersprache (und es ist naiv, anzunehmen, dass es in der nächsten Generation plötzlich verschwindend wenig davon geben wird); für die Städte der Ostukraine spielt Russisch meistens die Rolle der „Lingua Franca“ (dafür ist es auch im Zentrum und sogar in Galizien geeignet); die russische Sprache bleibt objektiv angesehen (es ist eine der verbreitetsten Weltsprachen, die zahlreiche ukrainische Gastarbeiter benötigen); für Millionen ukrainischer Bürger ist Russisch auch eine „heimische“ Sprache (sie ist mit dem Bedürfnis nach Identifizierung für eine riesige Anzahl ukrainischer Bürger verbunden). Das alles lässt schließen, dass die Politik des Sprachnationalismus und Zentralismus für die Ukraine nicht passt (zumindest für eine „einheitliche und unzertrennliche“). Entscheiden müssen darüber Bürger der Ukraine selbst, aber wir wiederholen, dass momentan eine Sackgassenpolitik gewählt wird, zu der auch Unzufriedenheit eines großen Teils der russischsprachigen Gemeinde durch die leitende Position der Westukrainer in öffentlichen Bereichen hinzukommt.


Aufschrift: „Ich möchte Russisch sprechen“
Welche Politik könnte denn gewählt werden?Präzedenzfälle:Nehmen wir eines der Paradebeispiele: die Schweiz. In diesem Land gibt es drei offizielle Sprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch. Noch eine Sprache – Rätoromanisch – hat laut Verfassung einen besonderen Status (ist eine Nationalsprache, wie die drei anderen, aber keine offizielle). Dabei beträgt die Zahl der Träger dieser Sprache laut offizieller Statistik von 2012 0,5% der Gesamtbevölkerung der Schweiz. Nicht weniger bezeichnend ist, dass Französisch und Italienisch den Status der Staatssprachen haben, obwohl die Zahl der Schweizer, die sie als ihre Hauptsprachen nennen, 2012 jeweils 22,6% und 8,3% betrug.

Der Doktor für Sprachwissenschaft Professor W. T. Klokow schreibt Folgendes über die Umsetzung des in der Verfassung verankerten Status dieser Sprachen:
„Im Gesetz über offizielle Sprachen der Schweiz ist ein Prinzip der Gleichberechtigung der Sprachen verankert, laut dem Schweizer das Recht haben, jede davon in vollem Umfang zu benutzen. Dieses Prinzip wird durch die Verantwortung der föderalen Behörden für das Aufrechthalten und Funktionieren der nationalen Sprachen bestätigt. Andererseits wird das Recht der Bürger, jede Sprache des Landes zu benutzen, dadurch gesichert, dass Bewohner sich auf jeder der Staatssprachen an die Behörden wenden dürfen, und Beamten ihre Pflichten auf jeder dieser Sprachen erfüllen sollen.“
…In der Tat wird das individuelle Recht der Schweizer auf das freie Benutzen der Sprachen streng umgesetzt, wie es im Gesetz steht. So dürfen Bürger sich an die offiziellen Staatseinrichtungen auf jeder der offiziell anerkannten Sprachen wenden. Und das obwohl eine solche Praktik die Erschaffung einer Riesenarmee von Übersetzern im Staatsapparat des Landes gefordert hat.

Das Recht der schweizerischen Bürger auf die Benutzung der Sprachen gründet nicht nur auf dem Prinzip der Gleichheit der Sprachen und der Freiheit der Sprachwahl, sondern auch auf dem Territorialprinzip der Sprachen, der zuerst im Beschluss des Föderalgerichts 1965 über den Sprachunterricht in Schulen verankert wurde. Laut diesem Beschluss wird in den Schulen jedes Territoriums nur auf der offiziellen Sprache dieses Territoriums unterrichtet.

Mehr noch, es existieren in der Schweiz Beamtenquoten entsprechend ihrer Sprache:
„So hat laut Bestand von 2013 der Anteil der Föderalbeamten mit Muttersprache Französisch zum ersten Mal eine Marke von 21,5% der Gesamtzahl der Beamten in Bern erreicht. Diese Zahl entspricht der ihrerzeit festgelegten Quote, die zwischen 21,5 und 23,5% liegt. So waren die Pläne, und diese Pläne sind im Großen und Ganzen verwirklicht.“

Mehr noch, Pläne über Quoten für italienische Beamte wurden auch vollständig verwirklicht. Ihr tatsächlicher Anteil erreicht jetzt im Staatsapparat 6,8%, wobei die vorgeschriebene Quote zwischen 6,5 und 8,5% lag, berichtet Swissinfo (Abteilung der schweizerischen nationalen TV- und Radiogesellschaft). Warum könnte es eigentlich nicht als Beispiel für die Ukraine dienen, die eine „europäische Wahl“ getroffen hat?

Demonstrativ ist auch die Sprachpolitik in Finnland, wo es laut Verfassung zwei Staatssprachen gibt: finnisch und schwedisch. Dabei betrug laut offizieller Statistik 2012 der Anteil der schwedischsprachigen Bürger 5,4% und der finnischsprachigen 89,7%. Schweden wohnen kompakt auf Äland und besitzen eine Autonomie in der Verwaltung und der Lösung kultureller Fragen.

In Artikel 17 der schwedischen Verfassung steht: „Das Recht eines Jeden, im Laufe seines Verfahrens im Gericht oder jeder anderen Einrichtung der Staatsmacht seine Sprache zu benutzen, Finnisch oder Schwedisch, und Akten auf dieser Sprache zu erhalten, wird vom Gesetz garantiert. Die Einrichtungen der öffentlichen Macht sind verpflichtet, der finnisch – und schwedischsprachigen Bevölkerung die Befriedigung ihrer kulturellen und öffentlichen Bedürfnisse gleichberechtigt zu sichern“.
Artikel 51 lautet: „Bei der Arbeit des Parlamentes werden die finnische und die schwedische Sprache benutzt.“

Die Regierung und andere Machtstrukturen legen Dokumente, die für die Genehmigung von Fragen und Besprechung im Parlament notwendig sind, auf der schwedischen und der finnischen Sprache vor. Antworten und Briefe des Parlaments, Beschlüsse und Gutachten der Ausschüsse, schriftliche Vorschläge des Rats der Vorsitzenden werden auch auf Finnisch und Schwedisch geschrieben“.

Artikel 79: „Gesetze gehören auf Finnisch und Schwedisch festgelegt und erlassen“.

In Finnland gibt es nur eine komplett schwedischsprachige Hochschule: Akademie Ábo. Schwedisch ist in Schulen Pflichtfach von der 7. bis zur 9. Klasse, obwohl Ende April dieses Jahres ins finnische Parlament eine Initiative für das Aufheben vom Schwedisch als Pflichtfach angekommen ist. Eigentlich hätte für die Befriedigung der Bedürfnisse der schwedischen Gemeinde ein Modell der „regionalen Sprache“ (der offiziellen Sprache für die Region) gepasst, die nicht besonders konsequent von Janukowitsch umgesetzt wurde. Auf der anderen Seite, da es in Finnland keine anderen Sprachen gibt, die eine Rolle der regionalen Sprache beansprucht hätten, verursacht das Modell der zweiten Staatssprache keine große Probleme für den Staatsapparat: sich mit der Bevölkerung auf zwei Sprachen zu unterhalten (und nicht auf 150, wie frühsowjetische Utopisten vorgenommen haben), ist eine durchaus machbare Aufgabe für die disziplinierte finnische Bürokratie.

Und hier ist ein Beispiel der Einführung einer regionalen Sprache. In Italien, wo der Anteil der Italiener nach einigen Daten 94% beträgt, im Bezirk Trentino – Alto Alige, wo deutschsprachige Bürger wohnen, wird laut der Pariser Vereinbarung von 1946 und der Verfassung dieser Autonomie der deutschsprachigen Bevölkerung garantiert:

„(a) Bildung in Haupt- und Realschulen auf der Muttersprache;
(b) gleichberechtigte Benutzung der deutschen und italienischen Sprache in öffentlichen Einrichtungen und offiziellen Dokumenten, wie auch zweisprachige Ortsnamenkunde;
(c) das Recht, deutsche Nachnamen im Falle ihrer neuerlichen Italienisierung wiederherzustellen;
(d) Gleichberechtigung bei der Vergabe von Arbeitsstellen in staatlichen Einrichtungen zwecks gerechter Verteilung bei der Beschäftigung zweier ethnischer Gruppen“
Aber selbst eine solche Herangehensweise ist für manche ukrainische Politiker fremd.

Ziemlich interessant ist die Sprachsituation in Belgien. Das Land ist in drei Sprachgemeinschaften aufgeteilt: französisch, flämisch und deutsch. Der Begriff „Staatssprache“ existiert in der Verfassung nicht, und Artikel 30 lautet: „Das Benutzen der in Belgien üblichen Sprachen ist nicht verbindlich; es kann nur durch ein Gesetz geregelt werden und nur gegenüber Akten der Staatsmacht und für Gerichtsverfahren“.

Artikel 99 der belgischen Verfassung lautet: „Mit einer möglichen Ausnahme des Premierministers, besteht das Ministerrat zu gleichen Anteilen aus Ministern, die französisch sprechen, und Ministern, die niederländisch sprechen“.

Hier sind Daten des Sprachwissenschaftlers T. W. Pusjewitsch: „Nach demographischem Gewicht befinden sich zwei belgische Staatssprachen in der Situation eines relativen Gleichgewichtes: laut verschiedener Zählungen beträgt in Belgien mit einer Bevölkerung von 10,5 Millionen der Anteil Niederländischsprachiger ein wenig unter 60% (ca. 6 Millionen) und der Anteil Französischsprachiger ca.40%.“

Dabei „werden innerhalb einer jeden ethnolinguistischen Gemeinschaft offizielle Sprachen in allen bedeutenden Bereichen der Kommunikation benutzt. In Schulen läuft der Unterricht auf der Sprache der Gemeinde, und die Sprache der Nachbarn ist ab der 4. Klasse ein Pflichtfach.“

Es gibt noch einen prinzipiell wichtigen Präzedenzfall, wenn auch keinen europäischen. Die Sprachsituation in Kanada ist in vielen Hinsichten mit der in der Ukraine vergleichbar. Historisch bedingt haben sich in diesem Land zwei große Sprachgemeinschaften gebildet: eine französische und eine englische. Dabei waren die Letzteren von der Zahl her überlegen und die Ersteren bildeten eine spezifische französische Enklave: die Provinz Quebec.

Der politische Kampf der Quebecer für die Einführung der Zweispachigkeit hat in den 1920ern angefangen. (es kann durchaus sein, dass dieser Kampf unter anderem durch den „präzedenzlosen Präzedenzfall“ der Kommunisten inspiriert wurde). 1963 wurde im kanadischen Parlament ein Sonderausschuss für die Frage der Zweispachigkeit zusammengerufen. Dieser Ausschuss hat seine Empfehlungen aufgrund des Konzepts der „zwei Gründernationen“ (den alle kennen, die sich für die Geschichte von Kanada interessiert haben) entworfen. Als wichtigste wurden allerdings Ideen über die Sprache und Kultur behandelt; die Frage über die Ethnogenese der kanadischen Gesellschaft wurde mehr oder weniger sorgfältig vertuscht. Es wurde ein Kurs auf den Aufbau einer einheitlichen multikulturellen Gesellschaft genommen, die zwei dominierende Sprachen hat. 1969 wurde ein Gesetz über offizielle Sprachen erlassen, der die Rechte der Englischsprachigen und Französischsprachigen gleichgestellt hat. Aber die regionale Sprachpolitik in Quebec hat sich damit nicht zufrieden gegeben. 1977 hat die Regierung der Region Französisch für die einzige offizielle Sprache von Quebec erklärt. Das heißt, die Quebecer haben es angestrebt, den Faktor der angesehenen Sprache, die Englisch war, aufzuheben. Alle Initiativen im Bereich Sprachpolitik haben die Situation der Entwicklung der Zweispachigkeit in Quebec geschaffen. Die Spezifik von Quebec besteht darin, dass seine Bewohner im Wesentlichen die traditionelle Lebensweise und eine gewisse Absonderung vom industriellen Kanada aufbewahrt haben.

Wir sehen, dass die Wahl der Sprachpolitik im Laufe sozialen schöpferischer Leistung verwirklicht wird, deren Hauptrichtung in „Wohlstandsländern“ die Aufhebung der Diskriminierung gegenüber repräsentativen Sprachgruppen (im Prozentanteil können sie kaum bemerkbar sein) ist. Was für die ukrainische Sprachpolitik logisch erscheinen würde: Erklärung der russischen Sprache für die zweite Staatssprache; Unterstützung der Schulbildung und der Studiengänge auf Russisch; letztendlich die Aufnahme des Konzepts (der dem kanadischen ähnlich wäre), der die russische und die ukrainische Sprache für gleichberechtigte Gründer des ukrainischen Staates erklären würde. Die zweite Staatssprache könnte ein Pflichtfach in russischen und ukrainischen Schulen werden, von der Mittelschule angefangen. Uns erscheint demnach als eine optimale Strategie die Entwicklung der Zweisprachigkeit als die Grundlage der staatlichen Sprachpolitik und ein Umdenken der Kulturpolitik, ausgehend vom Verstehen der Einigkeit der russisch- und ukrainischsprachigen Kulturen in der Erschaffung der ukrainischen Gesellschaft zu sein (zumal die wesentlichen Kulturschätze – „Wort zu Igor’s Regiment“, die slawische Bibel, Ikonenmalerei und Architektur des Kiewer Russland etc. – gemeinsam für beide Völker sind).

Die Sprachpolitik der „Unabhängigen“

Die Sprachpolitik der unabhängigen Ukraine hat mit der Festlegung von Ukrainisch als einzige Staatssprache angefangen. Aus dem Bericht des Außenministeriums der Russischen Föderation „Russische Sprache in der Welt“ (Moskau, 2003):

„Der öffentlichen Meinung wird suggeriert, dass die Einengung des Funktionsbereiches der russischen Sprache und Kultur eine unerlässliche Bedingung für die ukrainische national-kulturelle Wiedergeburt ist. Versuche, die Sprachsituation zugunsten der russischen Sprache zu beeinflussen, werden als Unterminierung der ukrainischen Staatlichkeit empfunden.“

Das Vertikal der russischen Bildung ist praktisch vollkommen zerstört. Auf einem wesentlichen Teil der Ukraine wird das Netz der russischen Kindergärten abgeschafft. Im Schulsystem sind 2002 von 21,5 Tausend russischer Schulen nur 2,2 Tausend geblieben. (1996 – 4,63 Tausend). Unter anderem ist in Kiew von insgesamt 324 Schulen nur 8 Schulen mit russischer Unterrichtssprache geblieben (1990 gab es 155 davon)“.

Ende 1996 hat eine Rehe staatlicher Einrichtungen vorgeschlagen, alle Medien auf ukrainische Sprache umzustellen und „Druckveröffentlichungen auf einer nicht staatlichen Sprache als eine Tat zu betrachten, die <…> nicht weniger die Sicherheit der Ukraine gefährdet als Propaganda über Gewalt und Prostitution.“ (wir zitieren hier das Buch von W. M. Alpatow, S. 180). Zum Glück wurde die Initiative nicht durchgesetzt, aber dadurch kann man sich die Atmosphäre des moralischen Terrors vorstellen, in dem sich die russischsprachige Gemeinde der Ukraine befand. Es ist klar, dass in der Zeit des Nationalismus und des Angriffs auf die russische Sprache viele Bürger, die russische Sprache als Muttersprache beherrschten, die ukrainische Sprache als „heimische Sprache“ akzeptiert haben, das heißt, sich an die sich ändernde Realität angepasst haben. Bereits 1996 haben staatliche TV-Sender der Ukraine die russische Sprache abgelehnt.

Während der vergangenen Jahre hat sich die Situation nicht wirklich verbessert, obwohl theoretisch die nationalistische Intention, die in der Zeit der Bildung des neuen Staates dominierte, hätte nachlassen sollen (falls die ukrainische Staatlichkeit sich verwirklicht hätte).

Die Änderung des Anteils der Schüler, die in den Schuljahren 1990/1991 – 2010/2011 in ukrainischen Schulen auf der russischen Sprache gelernt haben.
S.: Russische Sprache an der Grenze des XX.-XXI. Jahrhunderts (Online-Ressource) – M., Zentrum für soziale Prognosen und Marktforschung, 2012, S. 51.

Situation in der Bildung: „Der Minister für Bildung und Wissenschaft, Jugend und Sport Dmitrij Tabatschnik schätzt die Zahl der Schulen mit Unterricht auf der russischen Sprache auf 1,7 Tausend… Laut der Information des Bildungsministeriums vom September 2010 funktionierten in der Ukraine 19,8 Tausend Schulen, davon 13,3 Tausend auf dem Land“. Vadim Kolesnitschenko: „Jetzt gibt es in der ukrainischen Hauptstadt nur noch sieben Schulen (1,59% der Gesamtzahl) mit Unterrichtssprache Russisch. Nur in 12 Schulen von Kiew gibt es russische Klassen. Dabei wohnen in Kiew laut Volkszählung von 2001 2,5 Millionen Menschen; davon bekennen sich 600 Tausend (24%) zu Russisch als heimische Sprache.“ Dabei ist Russisch zweifellos für eine viel größere Zahl der Kiew-Bewohner die Muttersprache, ganz zu schweigen davon, dass die Kiewer Statistik nicht besonders glaubwürdig ist. Die Schlussfolgerung ist eindeutig: eine der „Gründernationen“ der modernen Ukraine kann nicht ihr Recht auf Bildung auf der heimischen Sprache umsetzen.

Unter internationalem Druck, der jetzt seltsamerweise nicht mehr erkennbar ist, hat die Ukraine einie „Europäische Charta über regionale Sprachen und Sprachen der Minderheiten“ ratifiziert. Die Charta ist ab dem 1. Januar 2006 in Kraft getreten. Nach einem Jahr hat der Abgeordnete V. V. Kolesnitschenko einen Bericht veröffentlicht, in dem er bewiesen hat, dass niemand vorhat, die Charta umzusetzen.

Die Situation wurde durch ein 2012 erlassenes Gesetz „über die staatliche Sprachpolitik“ um einiges geändert. Es hat vorgeschrieben, dass in den Regionen der Ukraine, wo die nicht staatliche Sprache für mindestens 10% der Bevölkerung eine heimische Sprache ist, ihr ein Status der Regionalsprache verliehen wird. Dieser Status bedeutet unter anderem, dass die Sprache in der Verwaltung und der Kommunikation der Behörden mit der Bevölkerung benutzt wird. Es ist klar, dass für die Umsetzung eines solchen Gesetzes Zeit und Mühe seitens der Bürokraten notwendig ist (und in der Sache der Umsetzung ihrer Strategien die Partei der Regionen den Kommunisten, gelinde gesagt, unterliegt). Unterdessen hat dieses Gesetz im Grunde genommen dem Inhalt der seit 2006 gültigen Charta entsprochen. Nichtdestotrotz hat die neue illegitime Macht sich nach dem Sieg von Majdan entschieden, dieses Gesetz aufzuheben. Zwar wurde, als die russischsprachigen Regionen im Frühjahr 2014 einen Aufstand gemacht haben, die Aufhebung gestoppt. So stellte sich die Ukraine auf den Weg der Eurointegration.


Oft müssen wir hören: niemand verbietet euch doch, Russisch zu sprechen und zu schreiben. Obwohl die soziale Russophobie sich auch schon bemerkbar macht. Aber das Problem liegt nicht in der alltäglichen Kommunikation. Heute ist das TV der Ukraine auf Ukrainisch umgestiegen, auf Ukrainisch laufen Gerichtsverfahren, auf Ukrainisch laufen Filme im Kino, die Bildung wird auf Ukrainisch übersetzt. Dadurch hat ein wesentlicher Teil der Gesellschaft, obwohl er das Recht behält, innerhalb der Sprachgemeinde auf der Muttersprache zu kommunizieren, keine Möglichkeit, die Sprache in der Bildung, vor Gericht, in Medien zu benutzen. Natürlich existiert in vielen Ländern eine solche Situation kleinen Sprachgemeinden gegenüber, aber in diesem Fall geht es um ein Drittel (oder gar mehr) der Bevölkerung. Und es geht nicht nur um das erweiterte Recht auf Sprache, sondern auch um das Aufrechthalten des Staates. Falls der „Gründernation“ des Staates ihre Sprache genommen wird, hat sie alle Möglichkeiten, den Vertrag zu kündigen und eine neue Staatsform zu wählen. Die Kanadier haben es begriffen: dem einheitlichen Kanada zuliebe hat Quebec besondere Sprachrechte erhalten. Ukrainisatoren handeln dagegen in der Tat als Zerstörer ihrer gebrechlichen Staatlichkeit. Die Nichtbereitschaft, das Konzept zweier kulturell-sprachlichen Gruppen als Grundlage der ukrainischen Staatlichkeit zu akzeptieren, ist im Grunde ein Anspruch auf die Verwandlung einer zweikulturellen Gesellschaft in eine monolithische im kulturell-sprachlichen Sinne. Und wie wollen die Ukrainisatoren bei einem solchen Anspruch die Ukraine bewahren?

Quelle (auf Russisch): http://eotperm.ru/?p=2263

Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on VKEmail this to someonePrint this page
Loading Facebook Comments ...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Website

10 + sechs =